Von der Savanne in die Salzwueste

An eine Liveberichterstattung ist inzwischen zwar nicht mehr zu denken, aber immer wenn es ein wenig Leerlauf gibt, versuche ich meine Berichte hier zu vervollstaendigen. Zur Zeit sitze ich beispielsweise waehrend der Siesta-Zeit in einem Internetcafé in Sucre, grosse Teile dieses Beitrags sind jedoch in Oruro entstanden. Weiter geht es dort, wo meine Berichte vor zwei Wochen aufgehoert hatten: am suedlichsten Punkt meiner Reise, in Patagonien. Innerhalb einer Woche reiste ich weit nach Norden und verbrachte meine ersten aufregenden Tage in Bolivien. Read on my dear!

El Calafate – Buenos Aires

Am naechsten Morgen wachte ich mit heftigen Bauchschmerzen auf. Verflixt, dachte ich, habe ich mich wohl am Vorabend an der reichhaltigen Grillplatte ueberfressen. Erst spaeter sollte ich feststellen, dass weniger das leckere Essen im Restaurant, sondern vielmehr das Leitungswasser in Chile fuer meine Darmprobleme verantwortlich gewesen war. Aus diesem Grund nahm ich ein zunaechst ein sehr reduziertes Fruehstueck zu mir (ungewoehnlich!) und hoffte, dass der mitbegrachte Fencheltee schon bald seine Wirkung entfalten wuerde.

Im Internet-Cafe schrieb ich mein Motivationsschreiben fuer das Wiso-Stipendium und kaufte mir anschliessend Snacks fuer zwei Tage (hauptsaechlich Schokolade). Im Bus zum Flughafen, den ich gluecklicherweise fuer mich alleine hatte, fuehrte ich mit dem Busfahrer eine Unterhaltung ueber unterschiedliche Automarken und Modelle in Suedamerika und Europa. Kurz bevor er mich am Flughafen ausstiegen liess, meldete er per Funk: “El pasajero se ha llegado. Es aleman y tiene 21 años.” Lachen auf beiden Seiten.

Routiniert stellte ich mich an die Schlange von Aerolineas Argentinas an und konnte nach etwa einer Stunde auch problemlos einchecken. Patagonien verabschiedete sich mit einem beeindruckenden Panorama, denn die Sonne hatte gerade begonnen unterzugehen. Die dunklen Regenwolken ueber den schneebedeckten Gipfeln fest im Blick bestieg ich auf dem zum Gate 3 zugehoerigen Parkplatz auf dem Rollfeld das Flugzeug. Zuvor hatte ich das Terminal durch Ausgang 2 verlassen. Auf den Anzeigetafeln war allerdings Gate 4 angeben und auf meinem Ticket Gate 3 aufgedruckt gewesen. Tranquilo!

Mehr schlafend als wach, da angeschlagen, verbrachte ich den Flug und genoss im Landeanflug das funkelnde Buenos Aires, welches uns weniger stuermisch als noch beim ersten Mal empfing. Die Uhr zeigte 00.05 Uhr als am Gepaeckband mehrere aeltere Paerchen mit ihren zu grossen Koffern hektisch meine Fuesse ueberrollten. Im definitiv ueberteuerten Taxi liess ich mich anschliessend zum “Hostel Suites Obelisco” kutschieren. Leider war das Hostel bereits ausgebucht, netterweise reservierten sie mir jedoch direkt um die Ecke ein Bett im “Hostel Suites Florida”. Wie mir spaeter ein Amerikaner erzaehlen sollte, war dies sowieso die bessere Wahl.

Da eventuell auch zukuenftige Reisende mitlesen, hier ein paar Worte zum Hostel, welches mich positiv ueberraschte. Direkt auf der Avenida Florida, der kilometerlangen und unuebersichtlichen Haupteinkaufsstrasse in Buenos Aires, sehr guenstig zum zentralen Busbahnhof (Terminal de Omnibus de Retiro) und zum Stadtzentrum gelegen, muss man sich bei den freundliche Damen an der Eingangskontrolle entscheiden, ob man in den recht coolen Club im Keller (hier gibt es morgens ein vergleichsweise reichhaltiges Fruehstuecksbuffet inklusive), oder in das Hostel in den zehn Stockwerken darueber moechte. Das gesamte Hostel ist modern&stylisch eingerichtet und verfuegt ueber ratternde Klimaanlagen in allen Zimmer – im Sommer bei tagsueber schwuelen 34°C in Buenos Aires nicht zu vernachlaessigen.

Buenos Aires – Salta

Am naechsten Morgen schlenderte ich nach dem Fruehstueck ueber die Avenida Florida, besorgte mir neue Kopfhoerer (in Bolivien sollte ich mich ueber den gezahlten Preis aergern…), schnappte mir am spaeten Nachmittag mein Gepaeck im Hostel und verspeiste auf dem Fussweg zum Retiro noch ein Big Tasty Menue (…. Asche auf mein Haupt). Der Bus (Coche Cama) empfing mich mit bequemen roten Ledersesseln – und einer hoellisch lauten Klimaanlage im Heck unter dem ich meinen Sitzplatz fuer die naechsten 20 Stunden hatte. Im Halbschlaf aergerte ich mich ueber die ununterbrochen auf mich fallenden Wassertropfen. Am naechsten Morgen stellten sich heraus, dass die vermeintlichen Wassertropfen eine recht ekelige braungelbe Fluessigkeit waren. Mhm, guten Morgen… Wir machten Zwischenhalt in der recht grossen Stadt Tucuman im Norden Argentiniens. Anscheinend lieben die Einwohner hier saubere Autos, denn auf der Fahrt in Richtung des Terminals sah ich zahlreiche Autowaescher mit Hochdruckreiniger im Anschlag am Strassenrand auf Kundschaft wartend sitzen.

Bevor wir am fruehen Nachmittag in Salta ankamen, machte ich mir noch einen Masterplan fuer die kommenden 9 Tage – schliesslich wollte ich am 10. Februar in Oruro sein und auf dem Weg ausreichend Zeit fuer Tarija, Turpiza und die weltberuehmte Salzwueste “Salar de Uyuni” (+Reserva Nacional de Fauna Andina “Eduardo Avaroa”) und Salta selbst haben. Mein erster Eindruck von Salta: um einiges indigener, als das, was ich bisher auf meiner Reise gesehen hatte und sehr gemuetlich. Da schon ein wenig herumgelaufen, checkte ich schliesslich etwas entnervt in der Residencial Elena ein, welche mich mit mehreren kuehlen und gemuetlichen Innenhoefen, sowie freundlichen argentinischen Omas an der Rezeption empfing. Ein wenig Luxus vor Bolivien 😉

In der Stadt war nix los. Je weiter man Richtung Norden in Suedamerika kommt, desto wichtiger (und laenger) wird die Siesta. Im Footprint war ein Hotel etwas abseits angegeben, welches taeglich Minibusse nach Tarija schicken sollte. Dort angekommen sagte man mir, dass dieser taegliche Transfer tatsaechlich existiere, man mir aber keine weiteren Auskuenfte vor acht Uhr geben koennte. In Ordnung, blieb also ein wenig Zeit fuer eine Stadterkundung. Leider waren selbst die Kirchen, ansonsten fuer mich willkommener Ausgangspunkt fuer einen Rundgang, waehrend der Siesta geschlossen. Dies sollte sich spaeter in Bolivien nicht aendern. In einer der Baeckereien kaufte ich fuer umgerechnet 1 Euro einen Beutel voll leckeren Gebaecks, welches im Sueden Argentiniens zwar teurer, aber auch besser ist.

Innerliche Religionskonflikte

Im MAAM, einem Museum ueber Incas, wurde ich positiv durch die hohe Qualitaet der Praesentation der Exponate ueberrascht. Etwas gedankenversunken schlenderte ich an (zum Teil recht furchteinfloessenden) Inca-Mumien vorbei und kam dabei ins Gruebeln. Denn es ist unglaublich was fuer einzigartige Kulturen die Voelker Europas waehrend der Kolianisierung Suedamerikas fuer immer vernichtet haben – mit Spaetfolgen bis heute. Vor einem Spiegel mit einer seitlich angebrachten Beschriftung wunderte ich mich, ob die dargestellte Mumie (= mein verduztes Gesicht) ein schlechter Scherz sein sollte. Ein Druck auf den Lichtschalter brachte Erleuchtung. Oh! Von dem Anblick wollte ich dann lieber doch nicht traeumen…

Die Siestazeit war inzwischen vorueber, sodass ich Gelegenheit hatte, den praechtigen vollkommen vergoldeten Barockaltar in der Catedral Basilica de Salta y Santuario del Señor y Virgen del Milagro zu bewundern. Normalerweise geniesse ich die Stille und Ruhe grosser Kirchen. Dieses Mal allerdings fiel es mir schwer, Ruhe zu finden, da ich in Gedanken weiterhin im gleich gegenueberliegenden Inca-Museum war. Im Tempel des Gottes zu verweilen, in dessen Namen hunderttausende Indios ihr Leben oder zumindest ihre Freiheit lassen mussten, faellt in solchen Momenten schwer. Umso kritischer erscheint dann auch die Froemmigkeit manch Suedamerikaner. So bekreuzigen sich zum Beispiel Passanten, Autofahrer oder Fahrradfahrer, sobald sie an einer Kirche oder einer Mutter Gottes vorbeikommen, die es hier jeweils wie Sand am Meer gibt. Irgendwie Ironie der Geschichte, dass an den Orten auf der Welt, wo man historisch gesehen die groessten Kirchenkritiker vermuten muesste, ihre treusten Anhaenger leben.

Beim weiteren Schlendern durch die Stadt sah ich eine Gruppe Nonnen die dunkelrot-goldenen Iglisia San Francisco betreten. Mein Interesse war geweckt und schon wenig spaeter lauschte ich einem kleinen (und ein kleinwenig schiefen) Nonnenkonzert. Im Fotoladen liess ich meine Fotos auf DVD sichern und probierte anschliessend auf dem recht grossen und ueberdachten Markt (Ecke Avenida San Martin & Avenida Florida – die Strassennamen sind in jeder argentinischen Stadt die Gleichen) Locro, Humitas und Tamales. Bei den beiden Letzteren handelt es sich um ein in Maisblaetter eingepacktes Fleisch und Kartoffel bzw. Reisaehnlichem Gemisch (irgendwo zwischen Reis und Couscous. Wird auf 4000m angebaut und waechst auf einer leuchtend dunkelgruene Pflanze. Kommt gerade weltweit in Mode, da sehr nahrhaft und gesund. Weiss jemand Rat? Habe den Namen vergessen…;)), welches als Ganzes gekocht wird. Sehr lecker! In meiner Unterkunft kratzte ich die letzten argentinischen Pesos zusammen und machte mich erwartungsvoll Richtung Hotel Andalucia auf, um ein Busticket nach Tarija in Bolivien zu erwerben. Freie Plaetze waren allerdings erst fuer Sonntag in 6 Tagen erhaeltlich, sodass ich schnell einen Plan B brauchte. Also maschierte ich zum Terminal und erwarb ein Busticket zur argentinischen Grenzstadt (Aquas Blancas) – fuer 06.30 Uhr am naechsten Morgen.

Inzwischen war es etwa 21.00 Uhr und ziemlich dunkel, in der Innenstadt jedoch trotz Ladenschluss sehr belebt geworden. Verkehrte Welt, denn quasi frisch aus dem menschenleeren Patagonien angereist, war ich die dortigen im Sommer um diese Zeit recht langen Tage gewohnt. Im Internetcafe freute ich mich ueber nette Nachrichten und fiel schliesslich uebermuedet ins Bett. Im Schlaf nervte mich eine bloede Muecke, so dass ich froh war, sehr guten Mueckenschutz aus Deutschland mitgebracht zu haben (Danke Mama!). Am Morgen hatte ich mich im Bus noch ueber seitenlange Klagen Alexander von Humboldts ueber Moskitos am oberen Orinoko gewundert – in diesem Moment haette er wahrscheinlich ein wenig neidisch auf die Errungenschaften der modernen Zivilisation geblickt.

Auf dem Weg nach Bolivien

Wir schreiben den 03.02.2010. Es ist 06.06 und ich habe einen Aha-Moment. Die verfluchten Muecken kommen aus dem Badezimmer (stehendes Wasser und so). Hungrig checke ich aus dem Hotel aus und mache mich auf den Weg Richtung Terminal. In diesen Momenten vermisst man deutsche Baeckereien, die ab 06.00 Uhr morgens leckeren Kaffee und frisch geschmierte Broetchen im Angebot haben. Nachdem die letzte Nacht recht kurz gewesen war, waere jetzt eigentlich der richtige Moment gewesen, ein wenig auszuschlafen. Stattdessen flimmern die Bildschirme im Bus auf und aus den Lautsprechern scheppert der Soundtrack zu… 2012. Zunaechst koennen sich die Busfahrer nicht einigen, in welcher Sprache die Untertitel sein sollen – zur Auswahl stehen Englisch, Chinesisch und Koreanisch. Alles klar.

Obwohl der Bildschirm ewig klein und die Dialoge nicht zu verstehen sind, fesselt der Film, sodass ich zwischenzeitlich ernsthaft befuerchten muss, den Ausstieg verpasst zu haben. Waehrend ich mich sorge, ob wir bereits wieder auf dem Rueckweg sind (man steigert sich in manche Dinge rein), ziehen am Fenster Bananen-, Kaffee-, und Teeplantagen vorbei (wenn ich das soweit richtig erkannt habe). In Aquas Blancas werden wir von einer stinkigen Strasse empfangen. Auf meine Frage “¿Donde es la frontera?” ernte ich ein wenig erstaunte Blicke. Im Taxi ging es dann fuer 10 Pesos – das allerletzte argentinische Geld, was ich hatte – zur argentinischen Grenzstempelstelle. Weitere fuenf Minuten spaeter ueberquerte ich zu Fuss ohne Probleme mit James Bond Feeling im Bauch (Die Another Day) die Bruecke ueber einen dunkelbraunen Fluss, der laut Taxifahrer dem Ort vor Jahrzehnten seinen Namen gegeben hatte.

Me encanta Bolivia!

Auf der anderen Seite des Flusses liess ich abermals meinen Pass stempeln und wunderte mich ein wenig, als sich spontan 3 weitere Passagiere in mein Taxi gesellten, welches das Lenkrad auf der linken, das gesamte Amaturenbrett jedoch auf der rechten Seite eingebaut hatte. Im Taxi liess ich mich zum Cambio (=Geldwechselstelle) kutschieren, denn irgendwie musste der Fahrer ja bezahlt werden. Im ersten Moment hatte ich Schwierigkeiten, die Bolivianer um mich herum halbwegs zu verstehen – zu sehr war ich an das argentinische Kaudawelsch gewoehnt. Da Busse in Bolivien meist nach 20.00 Uhr losfahren und es wegen meiner fruehen Abreise aus Salta noch vor 12.00 Uhr war, besorgte ich mir ein Ticket fuer ein Collectivo (ein weiteres Taxi) und wartete ein wenig, bis weitere 5 Passagiere eingetroffen waren.

Nachdem das Gepaeck auf dem Dach verstaut war, sollten wir zu siebt fuer die naechsten drei Stunden in einem Auto in “Golf Plus”-Groesse die beeindruckende Natur geniessen. Mit quietschenden Reifen versuchte der Fahrer Schumis Rundenzeit auf der Nordschleife zu unterbieten, kaute dabei sehlenruhig ein paar Coca-Blaetter und nahm ein paar Fingerspitzen … oehh Puderzucker. Wahrend steile Berghaenge mit einem dichten undurchdringlichen  Dschungel an uns vorbeirauschten (bzw. quietschten), nickte der Bolivianer auf meiner linken Seite ein – ich sass in der Mitte in Reihe zwei – , baute in Rechtskurven sein Drittel konsequent um 100% aus und nutzte meine Schulter dabei als Kopfkissen.  Bienvenido en Bolivia! Rechtzeitig genug wurde er wach, stellte sich als 27jaehriger Parkranger mit Namen Naem in diesem Teil des Nationalparks vor und erklaerte mir mit einiger Begeisterung die Umgebung. Nach der Ankunft in Tarija besorgte ich mir am Terminal zunaechst ein Busticket nach Turpiza am Folgeabend und nahm anschliessend die Einladung des Parkrangers zum Mittagessen bei seiner Familie an.

Sehr herzlich empfing mich seine nur wenig juengere Ehefrau, Beruf Krankenschwester, sowie der fuenfjaehrige (!) Sohn, welcher gebannt vom Bett aus – das gesamte Leben der Familie spielte sich in einem Raum von etwa 25qm ab – Alf schaute.  Zu aufmunternden “Coma!”-Rufen verspeiste ich eine ganze Menge Kartoffelpuerre, Gemuese und Frikadellen, sowie zum Nachtisch Goetterspeise, welche in Bolivien mit Vorliebe in Kombination mit suessem Schaum verspeist wird.  Zur Erinnerung: seit dem Vorabend hatte ich nichts Vernuenftiges mehr gegessen und die Uhr zeigte 15.00 Uhr. Anschliessend zeigte mir Naem noch ein wenig die Umgebung und ueberschaetzte bei der Hostal-Auswahl (in Bolivien: Hostal = Hotel) ein wenig meine maximale Zahlungsbereitschaft, was sich allerdings erst nach dem Check-In herausstellen sollte. In der direkten Umgebung fand sich neben einem Zoologischen Garten und einem Aussichtspunkt (=Corazon de Jesus) mit einem wunderschoenen Panorama eine nette Kapelle. Wenige Minuten spaeter machte ich mich auf zum Zentrum, um dem ueberdachten Markt einen Besuch abzustatten.

Ich bin gespannt, ob ich in Zukunft die zur Gewohntheit gewordene Besuche der oertlichen Kirche/Kathedrale und des zentralen Markts beibehalten werde. Hier in Suedamerika bekommt man an diesen beiden Orten meist einen sehr guten Eindruck von der Atmosphaere einer Stadt, sodass ich beides immer sehr geniesse und die gewonnen Eindruecke wie ein trockener Schwamm aufsauge. Um fuenf Bananen reicher und 2 Bolivianitos  aermer (etwa 30 Cent – Bolivianer lieben die Verkleinerung “-ito” wie die Koelner das “-chen” am Ende des Wortes) schlendere ich ein wenig durch die Innenstadt. Vom Vorurteil Bolivien sei ein bitterarmes Land merkt man in Tarija rein gar nichts, denn hier blitzt das Chrom der opulenten Gelaendewagen mit dem Chrom von noch groesseren Pickups um die Wette. Spaeter in Oruro sollte mir ein Bolivaner erzaehlen, dass Tarija bei einem zehntel der Einwohnergroesse  auf Grund von reichen Erdgasvorkommen und einer sehr fruchtbaren Landwirtschaft ueber das dreifache Einkommen La Pazs verfuegt, welches in Tarija jedoch auf Grund weitverbreiteter Korruption auf den unterschiedlichsten Kanaelen “verschuett geht”. Irgendwer muss die SUVs ja bezahlen. Das rege Treiben am Plaza Luis de Fuentes, dem Hauptplatz in Tarija, gefiel mir, sodass ich mein Lomito (=Fleisch-Stew) direkt am Strassenrand verspeiste und schliesslich mal wieder ein wenig ueberfressen – die Kellnerin hatte mich zu einem Nachtisch ueberredet – ins Bett fiel.

Pre-Karneval “Compadres”

Nach dem Fruehstueck im Hotel machte ich mich abermals Richtung Zentrum auf. Obwohl noch recht frueh am Morgen waren die Feierlichkeiten zum Compadres (zwei Wochen vor dem “richtigen” Karneval – in der Folgewoche sollte “Commadres” folgen) im vollen Gange. Frauen mit bunt geschmueckten Koerben auf dem Kopf (spaeter fuer die Maenner) liefen umher, waehrend sich die Herren der Schoepfung gepflegt die Kante gaben. Die Zeitung beim Schuhputzer konnte mich nicht wirklich begeistern, die blitzenden Mokassin umso mehr, da sie zuvor von der Trekking-Tour am Torres del Pain ein wenig mitgenommen waren. Auf dem Markt besorgte ich mir neben Bananen endlich auch einen Mate (ziemlich ausfuehrlicher Artikel auf Wikipedia) sowie das dazugehoerige Yerba. Dies ist deshalb erwaehneswert, wenn man bedenkt, dass der Brauch des Matetrinkens eigentlich eine sehr argentinische Sache und in Bolivien nicht sehr weit verbreitet ist. So ziert dann auch ein Tarija-Schriftzug mein Mate, was zwar ein wenig skuril, als Reisemitbringsel aber umso bedeutender ist, da sich gleich zwei (inzwischen mehr) Erinnerungen mit einem einzigen Gegenstand assoziieren lassen.  Ich hoffe nach meiner Rueckkehr in Koeln einen Teeladen zu finden, der guten Yerba Mate zu vertretbaren Preisen handelt, denn gerne wuerde ich diesen “Brauch” im Universitaetsalltag beibehalten. Also nicht wundern, wenn ich mal wieder mit Thermoskanne im Hoersaal sitze 😉

Am Campo de los Compadres war ein sehr traditionelles Riesenvolksfest mit zahlreichen Fressstaenden im vollen Gange. Ueberall wurden Sandwichs und frische Fruchtsaefte (und viel Bier) angeboten. Das leckere Obst und die Fruchtsaefte, die in Bolivien an quasi jeder Strassenecke frisch zubereitet werden, werde ich zurueck in Deutschland definitiv vermissen. Leider schaffte ich es nicht Naem zu erreichen, denn eigentlich hatte ich mich mit ihm zu einem Bierchen verabredet. Mit heissem Wasser und meinem Backpack bewaffnet nahm ich vom Hostal aus ein Taxi zum Terminal und bestieg gerade noch rechtzeitig “just in sequence” den Bus. Meine Sitznachbarin, Studentin aus Tarija, “administration de empresas”, war ein wenig um mich besorgt, da ich in kurzer Hose und T-Shirt den Bus bestiegen hatte. Mir war zuvor nicht bewusst gewesen, dass ich ueber Nacht aus dem suptropischen Klima immer weiter bergauf in die Savanne auf knapp 3000m fahren sollte. Unsere Unterhaltung begleiteten sehr starke Blitze ueber den dschungelbewachsenen Huegeln, jedoch kein Donner oder Regen – genauso wie es Alexander von Humboldt auf dem Orinoko erlebt hatte. Da ich auch in einer der Pausen keinen Zugang zu meinem Backpack erlangte, lieh mir meine Sitznachbarin spontan ihre Decke. Waehrend es ueber eine staubige und holprige Strasse immer weiter bergauf ging, nickte ich ein.

Hoppe-Hoppe-Reiter

Um 05.30 Uhr erreichten wir noch vor Sonnenaufgang Turpiza. Mein Footprint war mir hier keine grosse Hilfe, denn wie soll man ohne Strassenkarte oder Strassenschilder ein Hostel in der Calle Bolivar finden? Genau. Entgegenkommende Betrunkene konnte ich leider auch nicht befragen, da sie bereits vollkommen damit beschaeftigt waren, nicht umzufallen. Umherirrend lernte ich also bereits ein wenig die recht nette und im Endeffekt ganz uebersichtliche Stadt kennen. Ein Strassenfeger wies mir schliesslich den Weg, doch leider waren alle Hotels noch geschlossen. Erst in der Salar de Uyuni sollte man mir Tage spaeter verraten, dass man in diesem Fall einfach laut an der Tuere klopft. So hatte ich Gelegenheit, den Sonnenaufgang vom “Corazon de Jesus” aus zu bewundern. Dabei fiel besonders die schoene Lage der Stadt Turpiza auf, denn rundherum ist die Stadt von leuchtend roten Felsen umgeben.

Um 07.o0 Uhr schaffte ich es schliesslich im Hostal einzuchecken, nahm eine Dusche, fruehstueckte eine Kleinigkeit und machte erst einmal ein kleines Nickerchen. Per Hoteltelefon (oho!) wurde ich von der Rezeption geweckt: ein Platz waere noch fuer die Viertagestour durch die Salar de Uyuni verfuegbar und wenn ich wollte, koennte ich heute noch ein wenig reiten gehen. Ich wollte. Einziges Problem: Ich brauchte irgendwoher knapp 1300 Bolivianos in bar. In einer Stadt wo es keine Geldautomaten gibt und die einzige Euro-Wechselstube geschlossen ist, kein allzu leichtes Unterfangen. Minuten spaeter stellte sich heraus, dass man beim Nachbarhaus der Wechselstube dreimal laut an der Tuer klopfen muss… Achso. Zum recht schlechten Kurs tauschte ich also 150 Euro um und lieferte das Geld direkt wieder in meinem Hotel ab. Dort wartete  bereits mein Fuehrer fuer den fuenfstuendigen Reitausflug.

In der ersten Stunde war das Reiten noch recht unangenehm, schliesslich liegen meine letzten Reiterlebnisse mehr als 10 Jahre zurueck. Aber schon wenig spaeter genoss ich den Galopp in vollen Zuegen (auf dem groesseren Pferd) ohne mich krampfhaft mit den Fingern im Sattel festzukrallen. Wir passierten die “Puerta del Diabolo”, das “Valle de los Machos” (die Gesteinsformationen sehen tatsaechlich aus wie hunderte aufrechte Penise), den wirklich sehr beeindruckende “El Cañon del Inca” und schliesslich “El Cañon del Duende”. Voller unvergesslicher Eindruecke ging es auf leicht wackeligen Beinen zurueck zum Hotel. Dort bewunderte ich zunaechst Humboldts blumigen Beschreibungen von Farbspielen in der Natur (hier waere es clever gewesen, sich die Seite zu notieren… wird nachgeliefert) und stellte spaeter im Restaurant fest, dass es Bolivanische Spezialitaeten nur zum Fruehstueck gab (?!). Auf dem Markt deckte ich mich mit Bananen fuer die kommenden Tage ein. Auffallend war, dass das angebotene Gemuese in Turpiza um einiges “erdiger” war als noch in Tarija. Statt Paprika oder Salat wurden beispielsweise eher Kartoffeln oder Moehren angeboten. Nach einem ziemlich langen und anstrengenden Tag schlief ich innerhalb weniger Minuten ein.

"Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde."

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2 comments on “Von der Savanne in die Salzwueste
  1. Julian says:

    hört sich sehr spannend an 🙂 das macht einen heiß, selbst mal auf nen trip zu gehen 😉 mal schauen, vielleicht nach der bachelor thesis 🙂 gibts denn nu auch bilder dazu?

  2. Andreas says:

    geduld! im april gibts bilder 😉

    reisen macht tatsaechlich suechtig… war mit sicherheit nicht mein letzter trip!!