Archiv für Februar, 2010

Von der Savanne in die Salzwueste

An eine Liveberichterstattung ist inzwischen zwar nicht mehr zu denken, aber immer wenn es ein wenig Leerlauf gibt, versuche ich meine Berichte hier zu vervollstaendigen. Zur Zeit sitze ich beispielsweise waehrend der Siesta-Zeit in einem Internetcafé in Sucre, grosse Teile dieses Beitrags sind jedoch in Oruro entstanden. Weiter geht es dort, wo meine Berichte vor zwei Wochen aufgehoert hatten: am suedlichsten Punkt meiner Reise, in Patagonien. Innerhalb einer Woche reiste ich weit nach Norden und verbrachte meine ersten aufregenden Tage in Bolivien. Read on my dear!

El Calafate – Buenos Aires

Am naechsten Morgen wachte ich mit heftigen Bauchschmerzen auf. Verflixt, dachte ich, habe ich mich wohl am Vorabend an der reichhaltigen Grillplatte ueberfressen. Erst spaeter sollte ich feststellen, dass weniger das leckere Essen im Restaurant, sondern vielmehr das Leitungswasser in Chile fuer meine Darmprobleme verantwortlich gewesen war. Aus diesem Grund nahm ich ein zunaechst ein sehr reduziertes Fruehstueck zu mir (ungewoehnlich!) und hoffte, dass der mitbegrachte Fencheltee schon bald seine Wirkung entfalten wuerde.

Im Internet-Cafe schrieb ich mein Motivationsschreiben fuer das Wiso-Stipendium und kaufte mir anschliessend Snacks fuer zwei Tage (hauptsaechlich Schokolade). Im Bus zum Flughafen, den ich gluecklicherweise fuer mich alleine hatte, fuehrte ich mit dem Busfahrer eine Unterhaltung ueber unterschiedliche Automarken und Modelle in Suedamerika und Europa. Kurz bevor er mich am Flughafen ausstiegen liess, meldete er per Funk: “El pasajero se ha llegado. Es aleman y tiene 21 años.” Lachen auf beiden Seiten.

Routiniert stellte ich mich an die Schlange von Aerolineas Argentinas an und konnte nach etwa einer Stunde auch problemlos einchecken. Patagonien verabschiedete sich mit einem beeindruckenden Panorama, denn die Sonne hatte gerade begonnen unterzugehen. Die dunklen Regenwolken ueber den schneebedeckten Gipfeln fest im Blick bestieg ich auf dem zum Gate 3 zugehoerigen Parkplatz auf dem Rollfeld das Flugzeug. Zuvor hatte ich das Terminal durch Ausgang 2 verlassen. Auf den Anzeigetafeln war allerdings Gate 4 angeben und auf meinem Ticket Gate 3 aufgedruckt gewesen. Tranquilo!

Mehr schlafend als wach, da angeschlagen, verbrachte ich den Flug und genoss im Landeanflug das funkelnde Buenos Aires, welches uns weniger stuermisch als noch beim ersten Mal empfing. Die Uhr zeigte 00.05 Uhr als am Gepaeckband mehrere aeltere israelische Paerchen mit ihren zu grossen Koffern hektisch meine Fuesse ueberrollten. Im definitiv ueberteuerten Taxi liess ich mich anschliessend zum “Hostel Suites Obelisco” kutschieren. Leider war das Hostel bereits ausgebucht, netterweise reservierten sie mir jedoch direkt um die Ecke ein Bett im “Hostel Suites Florida”. Wie mir spaeter ein Amerikaner erzaehlen sollte, war dies sowieso die bessere Wahl.

Da eventuell auch zukuenftige Reisende mitlesen, hier ein paar Worte zum Hostel, welches mich positiv ueberraschte. Direkt auf der Avenida Florida, der kilometerlangen und unuebersichtlichen Haupteinkaufsstrasse in Buenos Aires, sehr guenstig zum zentralen Busbahnhof (Terminal de Omnibus de Retiro) und zum Stadtzentrum gelegen, muss man sich bei den freundliche Damen an der Eingangskontrolle entscheiden, ob man in den recht coolen Club im Keller (hier gibt es morgens ein vergleichsweise reichhaltiges Fruehstuecksbuffet inklusive), oder in das Hostel in den zehn Stockwerken darueber moechte. Das gesamte Hostel ist modern&stylisch eingerichtet und verfuegt ueber ratternde Klimaanlagen in allen Zimmer – im Sommer bei tagsueber schwuelen 34°C in Buenos Aires nicht zu vernachlaessigen.

Buenos Aires – Salta

Am naechsten Morgen schlenderte ich nach dem Fruehstueck ueber die Avenida Florida, besorgte mir neue Kopfhoerer (in Bolivien sollte ich mich ueber den gezahlten Preis aergern…), schnappte mir am spaeten Nachmittag mein Gepaeck im Hostel und verspeiste auf dem Fussweg zum Retiro noch ein Big Tasty Menue (…. Asche auf mein Haupt). Der Bus (Coche Cama) empfing mich mit bequemen roten Ledersesseln – und einer hoellisch lauten Klimaanlage im Heck unter dem ich meinen Sitzplatz fuer die naechsten 20 Stunden hatte. Im Halbschlaf aergerte ich mich ueber die ununterbrochen auf mich fallenden Wassertropfen. Am naechsten Morgen stellten sich heraus, dass die vermeintlichen Wassertropfen eine recht ekelige braungelbe Fluessigkeit waren. Mhm, guten Morgen… Wir machten Zwischenhalt in der recht grossen Stadt Tucuman im Norden Argentiniens. Anscheinend lieben die Einwohner hier saubere Autos, denn auf der Fahrt in Richtung des Terminals sah ich zahlreiche Autowaescher mit Hochdruckreiniger im Anschlag am Strassenrand auf Kundschaft wartend sitzen.

Bevor wir am fruehen Nachmittag in Salta ankamen, machte ich mir noch einen Masterplan fuer die kommenden 9 Tage – schliesslich wollte ich am 10. Februar in Oruro sein und auf dem Weg ausreichend Zeit fuer Tarija, Turpiza und die weltberuehmte Salzwueste “Salar de Uyuni” (+Reserva Nacional de Fauna Andina “Eduardo Avaroa”) und Salta selbst haben. Mein erster Eindruck von Salta: um einiges indigener, als das, was ich bisher auf meiner Reise gesehen hatte und sehr gemuetlich. Da schon ein wenig herumgelaufen, checkte ich schliesslich etwas entnervt in der Residencial Elena ein, welche mich mit mehreren kuehlen und gemuetlichen Innenhoefen, sowie freundlichen argentinischen Omas an der Rezeption empfing. Ein wenig Luxus vor Bolivien ;)

In der Stadt war nix los. Je weiter man Richtung Norden in Suedamerika kommt, desto wichtiger (und laenger) wird die Siesta. Im Footprint war ein Hotel etwas abseits angegeben, welches taeglich Minibusse nach Tarija schicken sollte. Dort angekommen sagte man mir, dass dieser taegliche Transfer tatsaechlich existiere, man mir aber keine weiteren Auskuenfte vor acht Uhr geben koennte. In Ordnung, blieb also ein wenig Zeit fuer eine Stadterkundung. Leider waren selbst die Kirchen, ansonsten fuer mich willkommener Ausgangspunkt fuer einen Rundgang, waehrend der Siesta geschlossen. Dies sollte sich spaeter in Bolivien nicht aendern. In einer der Baeckereien kaufte ich fuer umgerechnet 1 Euro einen Beutel voll leckeren Gebaecks, welches im Sueden Argentiniens zwar teurer, aber auch besser ist.

Innerliche Religionskonflikte

Im MAAM, einem Museum ueber Incas, wurde ich positiv durch die hohe Qualitaet der Praesentation der Exponate ueberrascht. Etwas gedankenversunken schlenderte ich an (zum Teil recht furchteinfloessenden) Inca-Mumien vorbei und kam dabei ins Gruebeln. Denn es ist unglaublich was fuer einzigartige Kulturen die Voelker Europas waehrend der Kolianisierung Suedamerikas fuer immer vernichtet haben – mit Spaetfolgen bis heute. Vor einem Spiegel mit einer seitlich angebrachten Beschriftung wunderte ich mich, ob die dargestellte Mumie (= mein verduztes Gesicht) ein schlechter Scherz sein sollte. Ein Druck auf den Lichtschalter brachte Erleuchtung. Oh! Von dem Anblick wollte ich dann lieber doch nicht traeumen…

Die Siestazeit war inzwischen vorueber, sodass ich Gelegenheit hatte, den praechtigen vollkommen vergoldeten Barockaltar in der Catedral Basilica de Salta y Santuario del Señor y Virgen del Milagro zu bewundern. Normalerweise geniesse ich die Stille und Ruhe grosser Kirchen. Dieses Mal allerdings fiel es mir schwer, Ruhe zu finden, da ich in Gedanken weiterhin im gleich gegenueberliegenden Inca-Museum war. Im Tempel des Gottes zu verweilen, in dessen Namen hunderttausende Indios ihr Leben oder zumindest ihre Freiheit lassen mussten, faellt in solchen Momenten schwer. Umso kritischer erscheint dann auch die Froemmigkeit manch Suedamerikaner. So bekreuzigen sich zum Beispiel Passanten, Autofahrer oder Fahrradfahrer, sobald sie an einer Kirche oder einer Mutter Gottes vorbeikommen, die es hier jeweils wie Sand am Meer gibt. Irgendwie Ironie der Geschichte, dass an den Orten auf der Welt, wo man historisch gesehen die groessten Kirchenkritiker vermuten muesste, ihre treusten Anhaenger leben.

Beim weiteren Schlendern durch die Stadt sah ich eine Gruppe Nonnen die dunkelrot-goldenen Iglisia San Francisco betreten. Mein Interesse war geweckt und schon wenig spaeter lauschte ich einem kleinen (und ein kleinwenig schiefen) Nonnenkonzert. Im Fotoladen liess ich meine Fotos auf DVD sichern und probierte anschliessend auf dem recht grossen und ueberdachten Markt (Ecke Avenida San Martin & Avenida Florida – die Strassennamen sind in jeder argentinischen Stadt die Gleichen) Locro, Humitas und Tamales. Bei den beiden Letzteren handelt es sich um ein in Maisblaetter eingepacktes Fleisch und Kartoffel bzw. Reisaehnlichem Gemisch (irgendwo zwischen Reis und Couscous. Wird auf 4000m angebaut und waechst auf einer leuchtend dunkelgruene Pflanze. Kommt gerade weltweit in Mode, da sehr nahrhaft und gesund. Weiss jemand Rat? Habe den Namen vergessen…;)), welches als Ganzes gekocht wird. Sehr lecker! In meiner Unterkunft kratzte ich die letzten argentinischen Pesos zusammen und machte mich erwartungsvoll Richtung Hotel Andalucia auf, um ein Busticket nach Tarija in Bolivien zu erwerben. Freie Plaetze waren allerdings erst fuer Sonntag in 6 Tagen erhaeltlich, sodass ich schnell einen Plan B brauchte. Also maschierte ich zum Terminal und erwarb ein Busticket zur argentinischen Grenzstadt (Aquas Blancas) – fuer 06.30 Uhr am naechsten Morgen.

Inzwischen war es etwa 21.00 Uhr und ziemlich dunkel, in der Innenstadt jedoch trotz Ladenschluss sehr belebt geworden. Verkehrte Welt, denn quasi frisch aus dem menschenleeren Patagonien angereist, war ich die dortigen im Sommer um diese Zeit recht langen Tage gewohnt. Im Internetcafe freute ich mich ueber nette Nachrichten und fiel schliesslich uebermuedet ins Bett. Im Schlaf nervte mich eine bloede Muecke, so dass ich froh war, sehr guten Mueckenschutz aus Deutschland mitgebracht zu haben (Danke Mama!). Am Morgen hatte ich mich im Bus noch ueber seitenlange Klagen Alexander von Humboldts ueber Moskitos am oberen Orinoko gewundert – in diesem Moment haette er wahrscheinlich ein wenig neidisch auf die Errungenschaften der modernen Zivilisation geblickt.

Auf dem Weg nach Bolivien

Wir schreiben den 03.03.2010. Es ist 06.06 und ich habe einen Aha-Moment. Die verfluchten Muecken kommen aus dem Badezimmer (stehendes Wasser und so). Hungrig checke ich aus dem Hotel aus und mache mich auf den Weg Richtung Terminal. In diesen Momenten vermisst man deutsche Baeckereien, die ab 06.00 Uhr morgens leckeren Kaffee und frisch geschmierte Broetchen im Angebot haben. Nachdem die letzte Nacht recht kurz gewesen war, waere jetzt eigentlich der richtige Moment gewesen, ein wenig auszuschlafen. Stattdessen flimmern die Bildschirme im Bus auf und aus den Lautsprechern scheppert der Soundtrack zu… 2012. Zunaechst koennen sich die Busfahrer nicht einigen, in welcher Sprache die Untertitel sein sollen – zur Auswahl stehen Englisch, Chinesisch und Koreanisch. Alles klar.

Obwohl der Bildschirm ewig klein und die Dialoge nicht zu verstehen sind, fesselt der Film, sodass ich zwischenzeitlich ernsthaft befuerchten muss, den Ausstieg verpasst zu haben. Waehrend ich mich sorge, ob wir bereits wieder auf dem Rueckweg sind (man steigert sich in manche Dinge rein), ziehen am Fenster Bananen-, Kaffee-, und Teeplantagen vorbei (wenn ich das soweit richtig erkannt habe). In Aquas Blancas werden wir von einer stinkigen Strasse empfangen. Auf meine Frage “¿Donde es la frontera?” ernte ich ein wenig erstaunte Blicke. Im Taxi ging es dann fuer 10 Pesos – das allerletzte argentinische Geld, was ich hatte – zur argentinischen Grenzstempelstelle. Weitere fuenf Minuten spaeter ueberquerte ich zu Fuss ohne Probleme mit James Bond Feeling im Bauch (Die Another Day) die Bruecke ueber einen dunkelbraunen Fluss, der laut Taxifahrer dem Ort vor Jahrzehnten seinen Namen gegeben hatte.

Me encanta Bolivia!

Auf der anderen Seite des Flusses liess ich abermals meinen Pass stempeln und wunderte mich ein wenig, als sich spontan 3 weitere Passagiere in mein Taxi gesellten, welches das Lenkrad auf der linken, das gesamte Amaturenbrett jedoch auf der rechten Seite eingebaut hatte. Im Taxi liess ich mich zum Cambio (=Geldwechselstelle) kutschieren, denn irgendwie musste der Fahrer ja bezahlt werden. Im ersten Moment hatte ich Schwierigkeiten, die Bolivianer um mich herum halbwegs zu verstehen – zu sehr war ich an das argentinische Kaudawelsch gewoehnt. Da Busse in Bolivien meist nach 20.00 Uhr losfahren und es wegen meiner fruehen Abreise aus Salta noch vor 12.00 Uhr war, besorgte ich mir ein Ticket fuer ein Collectivo (ein weiteres Taxi) und wartete ein wenig, bis weitere 5 Passagiere eingetroffen waren.

Nachdem das Gepaeck auf dem Dach verstaut war, sollten wir zu siebt fuer die naechsten drei Stunden in einem Auto in “Golf Plus”-Groesse die beeindruckende Natur geniessen. Mit quietschenden Reifen versuchte der Fahrer Schumis Rundenzeit auf der Nordschleife zu unterbieten, kaute dabei sehlenruhig ein paar Coca-Blaetter und nahm ein paar Fingerspitzen … oehh Puderzucker. Wahrend steile Berghaenge mit einem dichten undurchdringlichen  Dschungel an uns vorbeirauschten (bzw. quietschten), nickte der Bolivianer auf meiner linken Seite ein – ich sass in der Mitte in Reihe zwei – , baute in Rechtskurven sein Drittel konsequent um 100% aus und nutzte meine Schulter dabei als Kopfkissen.  Bienvenido en Bolivia! Rechtzeitig genug wurde er wach, stellte sich als 27jaehriger Parkranger mit Namen Naem in diesem Teil des Nationalparks vor und erklaerte mir mit einiger Begeisterung die Umgebung. Nach der Ankunft in Tarija besorgte ich mir am Terminal zunaechst ein Busticket nach Turpiza am Folgeabend und nahm anschliessend die Einladung des Parkrangers zum Mittagessen bei seiner Familie an.

Sehr herzlich empfing mich seine nur wenig juengere Ehefrau, Beruf Krankenschwester, sowie der fuenfjaehrige (!) Sohn, welcher gebannt vom Bett aus – das gesamte Leben der Familie spielte sich in einem Raum von etwa 25qm ab – Alf schaute.  Zu aufmunternden “Coma!”-Rufen verspeiste ich eine ganze Menge Kartoffelpuerre, Gemuese und Frikadellen, sowie zum Nachtisch Goetterspeise, welche in Bolivien mit Vorliebe in Kombination mit suessem Schaum verspeist wird.  Zur Erinnerung: seit dem Vorabend hatte ich nichts Vernuenftiges mehr gegessen und die Uhr zeigte 15.00 Uhr. Anschliessend zeigte mir Naem noch ein wenig die Umgebung und ueberschaetzte bei der Hostal-Auswahl (in Bolivien: Hostal = Hotel) ein wenig meine maximale Zahlungsbereitschaft, was sich allerdings erst nach dem Check-In herausstellen sollte. In der direkten Umgebung fand sich neben einem Zoologischen Garten und einem Aussichtspunkt (=Corazon de Jesus) mit einem wunderschoenen Panorama eine nette Kapelle. Wenige Minuten spaeter machte ich mich auf zum Zentrum, um dem ueberdachten Markt einen Besuch abzustatten.

Ich bin gespannt, ob ich in Zukunft die zur Gewohntheit gewordene Besuche der oertlichen Kirche/Kathedrale und des zentralen Markts beibehalten werde. Hier in Suedamerika bekommt man an diesen beiden Orten meist einen sehr guten Eindruck von der Atmosphaere einer Stadt, sodass ich beides immer sehr geniesse und die gewonnen Eindruecke wie ein trockener Schwamm aufsauge. Um fuenf Bananen reicher und 2 Bolivianitos  aermer (etwa 30 Cent – Bolivianer lieben die Verkleinerung “-ito” wie die Koelner das “-chen” am Ende des Wortes) schlendere ich ein wenig durch die Innenstadt. Vom Vorurteil Bolivien sei ein bitterarmes Land merkt man in Tarija rein gar nichts, denn hier blitzt das Chrom der opulenten Gelaendewagen mit dem Chrom von noch groesseren Pickups um die Wette. Spaeter in Oruro sollte mir ein Bolivaner erzaehlen, dass Tarija bei einem zehntel der Einwohnergroesse  auf Grund von reichen Erdgasvorkommen und einer sehr fruchtbaren Landwirtschaft ueber das dreifache Einkommen La Pazs verfuegt, welches in Tarija jedoch auf Grund weitverbreiteter Korruption auf den unterschiedlichsten Kanaelen “verschuett geht”. Irgendwer muss die SUVs ja bezahlen. Das rege Treiben am Plaza Luis de Fuentes, dem Hauptplatz in Tarija, gefiel mir, sodass ich mein Lomito (=Fleisch-Stew) direkt am Strassenrand verspeiste und schliesslich mal wieder ein wenig ueberfressen – die Kellnerin hatte mich zu einem Nachtisch ueberredet – ins Bett fiel.

Pre-Karneval “Compadres”

Nach dem Fruehstueck im Hotel machte ich mich abermals Richtung Zentrum auf. Obwohl noch recht frueh am Morgen waren die Feierlichkeiten zum Compadres (zwei Wochen vor dem “richtigen” Karneval – in der Folgewoche sollte “Commadres” folgen) im vollen Gange. Frauen mit bunt geschmueckten Koerben auf dem Kopf (spaeter fuer die Maenner) liefen umher, waehrend sich die Herren der Schoepfung gepflegt die Kante gaben. Die Zeitung beim Schuhputzer konnte mich nicht wirklich begeistern, die blitzenden Mokassin umso mehr, da sie zuvor von der Trekking-Tour am Torres del Pain ein wenig mitgenommen waren. Auf dem Markt besorgte ich mir neben Bananen endlich auch einen Mate (ziemlich ausfuehrlicher Artikel auf Wikipedia) sowie das dazugehoerige Yerba. Dies ist deshalb erwaehneswert, wenn man bedenkt, dass der Brauch des Matetrinkens eigentlich eine sehr argentinische Sache und in Bolivien nicht sehr weit verbreitet ist. So ziert dann auch ein Tarija-Schriftzug mein Mate, was zwar ein wenig skuril, als Reisemitbringsel aber umso bedeutender ist, da sich gleich zwei (inzwischen mehr) Erinnerungen mit einem einzigen Gegenstand assoziieren lassen.  Ich hoffe nach meiner Rueckkehr in Koeln einen Teeladen zu finden, der guten Yerba Mate zu vertretbaren Preisen handelt, denn gerne wuerde ich diesen “Brauch” im Universitaetsalltag beibehalten. Also nicht wundern, wenn ich mal wieder mit Thermoskanne im Hoersaal sitze ;)

Am Campo de los Compadres war ein sehr traditionelles Riesenvolksfest mit zahlreichen Fressstaenden im vollen Gange. Ueberall wurden Sandwichs und frische Fruchtsaefte (und viel Bier) angeboten. Das leckere Obst und die Fruchtsaefte, die in Bolivien an quasi jeder Strassenecke frisch zubereitet werden, werde ich zurueck in Deutschland definitiv vermissen. Leider schaffte ich es nicht Naem zu erreichen, denn eigentlich hatte ich mich mit ihm zu einem Bierchen verabredet. Mit heissem Wasser und meinem Backpack bewaffnet nahm ich vom Hostal aus ein Taxi zum Terminal und bestieg gerade noch rechtzeitig “just in sequence” den Bus. Meine Sitznachbarin, Studentin aus Tarija, “administration de empresas”, war ein wenig um mich besorgt, da ich in kurzer Hose und T-Shirt den Bus bestiegen hatte. Mir war zuvor nicht bewusst gewesen, dass ich ueber Nacht aus dem suptropischen Klima immer weiter bergauf in die Savanne auf knapp 3000m fahren sollte. Unsere Unterhaltung begleiteten sehr starke Blitze ueber den dschungelbewachsenen Huegeln, jedoch kein Donner oder Regen – genauso wie es Alexander von Humboldt auf dem Orinoko erlebt hatte. Da ich auch in einer der Pausen keinen Zugang zu meinem Backpack erlangte, lieh mir meine Sitznachbarin spontan ihre Decke. Waehrend es ueber eine staubige und holprige Strasse immer weiter bergauf ging, nickte ich ein.

Hoppe-Hoppe-Reiter

Um 05.30 Uhr erreichten wir noch vor Sonnenaufgang Turpiza. Mein Footprint war mir hier keine grosse Hilfe, denn wie soll man ohne Strassenkarte oder Strassenschilder ein Hostel in der Calle Bolivar finden? Genau. Entgegenkommende Betrunkene konnte ich leider auch nicht befragen, da sie bereits vollkommen damit beschaeftigt waren, nicht umzufallen. Umherirrend lernte ich also bereits ein wenig die recht nette und im Endeffekt ganz uebersichtliche Stadt kennen. Ein Strassenfeger wies mir schliesslich den Weg, doch leider waren alle Hotels noch geschlossen. Erst in der Salar de Uyuni sollte man mir Tage spaeter verraten, dass man in diesem Fall einfach laut an der Tuere klopft. So hatte ich Gelegenheit, den Sonnenaufgang vom “Corazon de Jesus” aus zu bewundern. Dabei fiel besonders die schoene Lage der Stadt Turpiza auf, denn rundherum ist die Stadt von leuchtend roten Felsen umgeben.

Um 07.o0 Uhr schaffte ich es schliesslich im Hostal einzuchecken, nahm eine Dusche, fruehstueckte eine Kleinigkeit und machte erst einmal ein kleines Nickerchen. Per Hoteltelefon (oho!) wurde ich von der Rezeption geweckt: ein Platz waere noch fuer die Viertagestour durch die Salar de Uyuni verfuegbar und wenn ich wollte, koennte ich heute noch ein wenig reiten gehen. Ich wollte. Einziges Problem: Ich brauchte irgendwoher knapp 1300 Bolivianos in bar. In einer Stadt wo es keine Geldautomaten gibt und die einzige Euro-Wechselstube geschlossen ist, kein allzu leichtes Unterfangen. Minuten spaeter stellte sich heraus, dass man beim Nachbarhaus der Wechselstube dreimal laut an der Tuer klopfen muss… Achso. Zum recht schlechten Kurs tauschte ich also 150 Euro um und lieferte das Geld direkt wieder in meinem Hotel ab. Dort wartete  bereits mein Fuehrer fuer den fuenfstuendigen Reitausflug.

In der ersten Stunde war das Reiten noch recht unangenehm, schliesslich liegen meine letzten Reiterlebnisse mehr als 10 Jahre zurueck. Aber schon wenig spaeter genoss ich den Galopp in vollen Zuegen (auf dem groesseren Pferd) ohne mich krampfhaft mit den Fingern im Sattel festzukrallen. Wir passierten die “Puerta del Diabolo”, das “Valle de los Machos” (die Gesteinsformationen sehen tatsaechlich aus wie hunderte aufrechte Penise), den wirklich sehr beeindruckende “El Cañon del Inca” und schliesslich “El Cañon del Duende”. Voller unvergesslicher Eindruecke ging es auf leicht wackeligen Beinen zurueck zum Hotel. Dort bewunderte ich zunaechst Humboldts blumigen Beschreibungen von Farbspielen in der Natur (hier waere es clever gewesen, sich die Seite zu notieren… wird nachgeliefert) und stellte spaeter im Restaurant fest, dass es Bolivanische Spezialitaeten nur zum Fruehstueck gab (?!). Auf dem Markt deckte ich mich mit Bananen fuer die kommenden Tage ein. Auffallend war, dass das angebotene Gemuese in Turpiza um einiges “erdiger” war als noch in Tarija. Statt Paprika oder Salat wurden beispielsweise eher Kartoffeln oder Moehren angeboten. Nach einem ziemlich langen und anstrengenden Tag schlief ich innerhalb weniger Minuten ein.

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Planaenderung

Die Eindruecke und Erlebnisse hier in Suedamerika sind grossartig – meine Berichte sind es leider nicht. Habe ich Zeit und Lust zum Schreiben (z.B. im Bus), fehlt mir das Schreibgeraet, bin ich muede und ausgepowert, findet man mich im Internet-Café. Um  “Blogdruck” zu vermeiden, werde ich in den naechsten Wochen ausschliesslich twittern. Follow me on www.twitter.com/traendy. Achtung: Voraussichtlich nicht alle Statusmeldungen werden mit Facebook synchronisiert. Und: Auf meiner naechsten Reise begleitet mich definitiv ein Netbook oder so.

Damit ihr trotzdem halbwegs im Bilde seid, was in der letzten Woche geschah, hier eine sehr kurze Zusammenfassung: Am Sonntag ging es Abends mit Bauchschmerzen und ziemlich angeschlagen per Flugzeug von El Calafate nach Buenos Aires. Am naechsten Tag nahm ich abends den Nachtbus nach Salta im Norden Argentiniens. Nach einer Uebernachtung ging es morgens um 06.00 Uhr per Bus Richtung Grenzstadt. Taxi zur Grenze, zu Fuss ueber die Grenze und in einem weiteren Taxi nach Tarija. Dort lecker bei bolivianischer Familie zu Mittaggegessen und am folgenden Abend per Nachtbus nach Turpiza.

Heute war ich fuenf Stunden lang in der Savanne reiten und werde morgen zu einer viertaegigen Tour durch die Salar de Uyuni aufbrechen. Ab dem 10. Februar werde ich in Oruro Karneval feiern und dann anschliessend weiter nach La Paz. Der Rest ist natuerlich geplant aber mit einem hoeheren Unsicherheitsfaktor behaftet ;)

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Humbled II

(Fortsetzung)

22.01.2010: Poo-Day

Wieder klingelte der Wecker um 06.00 Uhr. Nach dem Fruehstueck (“huevos revueltos”) bestiegen wir gegen 07.00 Uhr den Bus in Richtung El Calafate. Auf der Fahrt bestaunten wir das beeindruckende Bergpanorama, welches wir gerne schon auf der Routa 40 gesehen haetten. Auf der Suche nach unserem Hostel lernten wir El Calafate ein wenig kennen und waren froh, nach den Tagen im Doerfchen El Chalten wieder ein wenig mehr Menschen um uns herum zu haben. Keith ergatterte das letzte noch freie Busticket zum Perito Moreno, so dass Geogri, Karin und ich beschlossen stattdessen am folgenden Tag die Bootstour “Todos Glaciares” zu machen und den freien Nachmittag am “Largo Flamenco” (oder so) zu verbringen. Zuvor verspeisten wir allerdings in einer wundervollen Conditorei einige Alfajores (Biscuit + viel Schokolade + noch mehr “Dulce de Leche”), welche wir auf unserer Reise nach Patagonien kennen und lieben gelernt hatten. Mitten im Baustellengebiet war dann tatsaechlich ein kleiner See mit einigen Flamingos zu sehen.

Waehrend wir am See entlangschlenderten, hoerten wir auf einmal hinter uns eine aufgeregte Frau im Vorruhestandsalter auf Deutsch-Spanisch rufen “Esta pero es a tu?”. Dabei wedelte sie etwas seltsam mit den Armen und zeigte auf einen schmutzigen Hund der gerade einen halbverrottenten (Schafs?)Kadaver beschnupperte. Etwas verwundert erwiderten wir, dass der Strassenhund nicht uns gehoeren wuerde. Das brachte sie vollends in Rage, den sie hatte das exakte Gegenteil verstanden. Inzwischen hatte sie ins Denglische gewechselt und rief “All dogs schould be shottt!”, ein Zaun gebaut werden (“Where are you frrom?… In the Netherlands you have fences and in Australia as well…” ?!) und ausserdem waere sie heute schon bei der Polizei gewesen, weil ein Hund einen Flamingo angefallen haette. Die Gesichter der Polizisten haette ich gerne gesehen.

Weil uns das alles nicht wirklich begeistern konnte, beschlossen wir zum “Playa” quer durch Flamingoland zu gehen. Beim matschigen Untergrund fragten wir uns “Is it mud or poo?”. Wir hofften auf Ersteres und stellten spaeter fest, dass es Letzteres war… Mit matschigen Fuessen verliessen wir den nicht exisitierenden Strand, kauften ein paar Snacks fuer den naechsten Tag und liessen unsere Fotos auf DVD sichern. Dabei folgten die Blicke der anderen Passanten bestaendig unseren Fuessen. Spaeter assen Keith, Karin und ich noch gemeinsam zu Abend (Patagonisches Lamm!! Super lecker! Ausserdem hing im Restaurant Werbung fuer “Koelsch” als Biersorte.. gibts doch gar nicht!) bis uns schliesslich gegen 01.00 Uhr die Augen zufielen.

23.01.2010: Mein Leben ist ein Film

Inzwischen hatte ich mich an den nervigen Laerm um 06.00 Uhr gewoehnt. Im Halbschlaf verabschiedete ich mich von Keith, der seine Reise gen Norden fortsetzte, und fruehstueckte bei den Maedels im Hostel, bevor es mit dem Bus Richtung Hafen ging. Auf der Fahrt sah ich den ersten Eisberg meines Lebens und war schwer beeindruckt. An Bord des luxerioesen Touribootes fiel mir zunaechst die vorzueglichen Toilette auf, welche mit Abstand die Beste auf meiner gesamten Reise durch Argentinien war. Am Gletscher Upsala (vom Weltall aus gesehen, bekommt man eine ungefaehre Vorstellung von den riesigen Ausmassen) angelangt sahen wir ein Meer aus Eisbergen. Durch die Absorption blauen und die Reflektion des restlichen Lichts schimmert das Eis geheimnisvoll blau (wenn ich das auf Spanisch soweit richtig verstanden habe). Die Stille wurde nur vom nervigen Ausloeser-Sound der 150 in die Luft gehaltenen Kameras gestoert, die gemeinsam den “Ausloeser-Song” spielten. Warum Digitalkameras ueberhaupt Laerm machen, ist mir bis heute ein Raetsel. Alle Sounds meiner elektronischen Geraete sind auf das absolute Minimum reduziert oder abgestellt.

200 Fotos spaeter ging es weiter zum Viedma Gletscher. Hier versperrten keine Eisberge die Sicht auf den Gletscher selbst, sodass wir hautnah zahlreiche tosende Eisabbrueche miterleben konnten. Unbeschreiblich ist das Gefuehl vor einer 80 Meter hohen Eiswand zu schippern und dem Eis beim Fallen zuzusehen. Weitere 100 Fotos spaeter ging es zum letzten Gletscher auf unserer Bootstour, dem Perito Moreno. Obwohl der Beruehmteste unter den Gletschern im “Parque Nacional Los Glaciares” war unser Vorrat an Begeisterungsfaehigkeit bereits aufgebraucht.

Wieder zurueck in El Calafate trafen wir in einer Baeckerei (schon wieder ;) ) die beiden deutschen Maedels, die ich am Cerro Torre kennengelernt hatte. Gleich zwei interessante Menschen waren inzwischen in mein Zimmer im Hostel eingezogen, nachdem Keith am Morgen El Calafate verlassen hatte. Der Eine war ein Fotograf aus Buenos Aires, der gerade vom Cerro Torre mit Autounfall zurueckgekehrt war, der Andere war Japaner auf Weltreise. Mit Letzterem unterhielt ich mich noch etwas laenger, nachdem ich die Reisevorbereitungen (letzte Rasur fuer 6 Tage) fuer den Trip zum Torres del Paine abgeschlossen hatte.

24.01.2010: Dance the North Face Dance!

Nach dem Fruehstueck (2 Stuecke Pizza vom Vorabend) wurde ich von Karin abgeholt. Zu Moby (Why does my heart feel so bad?) und Roger Cicero (Schoen, dass du da bist) genossen wir die Natur auf der Fahrt Richtung Puerto Natales. An der Grenze holten wir uns jeweils einen Argentinischen Ausreise- und einen Chilenischen Einreisestempel und zeigten den chilenischen Grenzern unser Gepaeck. Auf unserem Weg Richtung Hostel stellten wir fest, dass Puerto Natales ein wenig aermer war als die Orte, die wir bisher in Argentninien gesehen hatten. Das Hostel (“Erratic Rock – Tell your friends, don’t tell the guidebooks!”) selbst war zwar ausgebucht, trotzdem wurden wir zur Infosession eingeladen, die gerade ein Raum weiter begonnen hatte. Der charismatische Amerikaner sollte uns mit seinen kompakten Informationen auf unserer anschliessenden fuenftaegigen Treckingtour vor dem sicheren Tot retten. Einige pregnate Saetze schwirrten mir je nach Wetterlage in den folgenden Tagen immer wieder durch den Kopf. Hier ein kleiner Auszug:

If it starts raining, don’t start to dance the North Face Dance. It may stop 5 min later. Or not.

If you get cold – walk faster!

Get used to the idea of wet feet! The following 5 days your feet will be wet 24/7.

Forget Goretex! Use plastic bags, plastic bags, plastic bags!

[...] Stink uniform [...]

Mit dieser Vorbereitung besorgten wir Bargeld, Ausruestung (Zelt, Schlafsack, Schlafmatte, Kocher, Kochgeschirr etc.) und Verpflegung (u.a. Porridge, Fertigpasta, Muesliriegel, Cracker und !!Schokolade!!). Besonders hervorzuheben waere an dieser Stelle die grosse Auswahl an getrockneten Fruechten, die es in Puerto Natales gibt. Der Spass kostet zwar ein kleines Vermoegen, versuesst jedoch den allmorgendlich frisch zubereiteten Porridge und somit den Start in den perfekten Tag. Karin zauberte eine wundervolle Bohnen-Stew und die Flasche Malbec war schnell geleert. Waehrend im Wohnzimmer* “The Bourne Identity” lief, versuchte ich irgendwie alle Sachen in meinem Backpack zu verstauen.

25.01.2010: Tag 1

Nach einem fuer suedamerikanische Verhaeltnisse ziemlich reichhaltigen Fruehstueck wurden wir vom Bus abgeholt. Auf einer wunderschoenen Fahrt durch einen Teil des Nationalparks Torres del Paine kamen wir aus dem Staunen kaum heraus. Das Besondere am Park neben den atemberaubenden Bergen – den Torres – ist die reichhaltige Flora und Fauna, die bedingt durch zahlreiche Mikroklimata sich von Meter zu Meter bestaendig aendert. Fast noch besser war die anschliessende Fahrt mit dem Katerman ueber den See mit Kakao fuer lau. Obwohl die Sonne sich immer wieder hinter den Wolken versteckte, leuchteten die dunkelgruenen Huegel mit dem azurblauen See um die Wette. Am ersten Refugio machten wir eine kleine Mittagspause und warfen ein Blick auf den Wetterbericht (fuenf Tage Regen) bevor wir Richtung Gletscher Grey aufbrachen. Unterwegs trafen wir auf eine Familie aus New York (coole Kids, coole Eltern!). Neben Fussball (“We are going to win the world cup!”) begeisterte sich der Vater auch fuer Biersorten aus aller Welt.

Der Trail fuehrte uns mehrmals hoch und runter und nachdem wir zwei reissende Baeche ueberquert hatten (der Regen am gleichen Tag hatte die Baeche um ein Vielfaches anschwellen lassen) erreichten wir schliesslich nassen Fusses einen sehr schoen gelegenen Zeltplatz direkt oberhalb eines Aussichtspunkts auf den Gletscher Grey. Mit uns auf dem Zeltplatz uebernachteten unter anderem Steffi aus Deutschland, die gerade mit einem Chilenen durch Chile reiste, ein britisches Paerchen, Paul, David & “Cadburry” aus London, sowie ein Italiener (gap year, Head of Marketing Prada im Harrod’s in London, auf Weltreise), der mit einer Gruppe Israelis (einer von ihnen: wedding planer) unterwegs war.

26.01.2010: Tag 2

Der Wecker klingelte um 08.00. Um halb 10 verliessen wir das Zelt und zelbrierten das allmorgendlich Morgenritual waehrend unseres Trips: Porridge mit getrockneten Fruechten. Nachdem das Zelt abgebaut war, genossen wir noch ein wenig die Aussicht auf den Grey. Am vormals reissenden Bach, der nun nur ein kleines Rinnsal war, begegneten wir wieder dem Vater der amerikanischen Kids. Da es windiger als am Vortag war, wunderten sich entgegenkommende Hiker ueber meine “Stink Uniform”, bestehend aus einer langen Hose und einem T-Shirt. In dieser “Uniform” sollte ich waehrend des gesamten Trips unterwegs sein – bei Sonne, bei Regen und auch bei Schnee (“… walk faster!”).

Waehrend wir die atemberaubende Aussicht genossen, wechselten die Gespraechsthemen zwischen Allgemeinschauplaetzen und (sehr) Persoenlichem hin und her. Das Campo Italiano war vollkommen uerberfuellt, aber Karins Charme verschaffte uns schliesslich doch noch einen Platz, wo wir unser Zelt aufschlagen konnten. Nachdem die Lachsravioli in Tomatensauce verspeist waren, erzaehlten uns die drei englischen Kumpels bei einer Tasse Tee aus Karins legendaerem “Teabag”, dass sie gerade ihr Jurastudium abgeschlossen hatten und im kommenden Monat anfangen wuerden zu arbeiten.

27.01.2010: Tag 3

Am naechsten Morgen war alle Sachen nass und schmutzig. Na toll. Nach dem Fruehstueck (Porridge!) stieg die Laune aber wieder und so liessen wir unseren Backpack am Zeltplatz und machten uns auf, “Valle del Francés” zu erkunden. Auf dem “W”, wie sich unsere Hiking-Route nannte, gehoert dies sicherlich zu den Highlights. Der Aufstieg war sehr regnerisch und nebelig, sodass die alten Baeume noch ein wenig maerchenhafter erschienen. Entlang eines reissenden Flusses – man wundert sich, wo auf dieser Hoehe all das Wasser herkommt – ging es weiter bergauf Richtung Aussichtspunkt. Dort angelangt konnten wir unser Glueck kaum fassen, denn auf einmal wechselte das Wetter auf sonnig. Umgeben von Gletschern (mindestens im Umkreis von 270º) genossen wir die atemberaubend schoene aber unbeschreibliche Aussicht. Mit Blick auf die “Posterboys” genossen wir den Abstieg Richtung Campo Italiano umso mehr und machten zahlreiche Fotos von Flora und Fauna, die in diesem Gebiet abermals gewechselt hatte. Inzwischen war uns aufgegangen, dass wir definitiv zu viele Cracker mit uns herumschleppten, sodass wir bei jeder der nun zahlreichen – weil sonnigen – Pausen bergaufkommende Trecker mit Crackern motivierten, weiterzumachen.

Inzwischen wieder mit aufgeschnalltem Backpack gingen wir Richtung Refugio Pehoe und genossen die beeindruckenden Lichtspiele am Strand des Sees. Ein Paerchen nahm ein Bad, was uns bei 10ºC Lufttemperatur dann doch ein wenig uebertrieben vorkam. Der Zeltplatz am Refugio begruesste uns mit Regen und war eher bescheiden. Umso besser: eine warme Dusche (sehen wir mal ueber den mickrigen Rinnsal warmen Wassers hinweg)!! Da es heisses Wasser umsonst gab, packten wir unsere asiatische Nudelsuppe mit Shrimpsgeschmack aus (wer kennt sie nicht). Am gleichen Tisch sassen drei Lehrerinnen jeweils aus Deutschland, den Niederlanden und der Schweiz. Letztere (Basketball, Schwimmen) amuesierte sich im Gespraech ueber lebensunfaehige Studenten, die sie bei Sportkursen an der ETH Zuerich unterrichtet hatte.

Nach einer Runde Tee aus erwaehntem legendaeren Teabag verliessen wir das warme Refugio Richtung Zelt. Inzwischen war der Regen staerker geworden, wurde jedoch von der stuermischen Nacht bei Weitem in den Schatten gestellt. Saemtliche im Zelt aufgehangene Vorraete (Maeuse!) verteilte sich gleichmaessig im Zelt, waehrend das gesamte Zelt gefaehrlich tief gen Boden gedrueckt wurde.

28.01.2010: Tag 4

Im komplett verwuesteten Vorzelt hatte es meine “Stink Uniform” schwer getroffen, so dass einem beim Anziehen eher schlechte Laune ueberkam. Bevor es losging, gab es allerdings erst einmal Porridge im Refugio. Einige Kilometer spaeter stieg nicht nur die Koerpertemperatur, sondern auch die Laune. Abermals hatten sich Flora und Fauna geaendert und waren nun karger als im “Valle del Francés” am Vortag. Hoch ueber den See begeisterte ich mich wieder fuer die Farbspiele des Sees und der Huegel am anderen Ufer, die weiterhin wunderschoen jedoch anders als noch an den Tagen zuvor schimmerten. Nachdem wir die letzte Tafel Schokolade verspeist hatten, trafen wir unter den zahlreichen Tagestouristen, die gen Tal gingen, nun zum dritten Mal … Birthe und Patrizia aus Deutschland (s.o.).

Wir passierten mehrere malerische Bruecken (!) ueber einen steilen Fluss (langsam gehen mir die Adjektive aus…) und erreichten schliesslich den etwas matschigen, aber sehr schoen angelegten Zeltplatz Campo Torres (oder so). Inzwischen war es ziemlich kalt geworden, sodass das Hexenhaus des Parkrangers gut in die Szenerie passte. Nach Pesto Pasta und einer klumpigen Champion Creme Suppe bildeten wir gemeinsam mit den Briten, die wir wie an jedem Abend am Zeltplatz wieder trafen, den “Circle of Warmth”. Wenig spaeter verabschiedete ich mich Richtung Zelt, nicht ohne vorher meine Thermosflasche mit heissem Wasser aufgefuellt zu haben, um so meinen Schlafsack ein wenig anzuwaermen. Karin (“I join you in a minute”) brauchte ein wenig laenger und kam schliesslich um 02.00 Uhr ins Zelt getorkelt (im Haus des Rangers gab es Wein), um mir den Wecker fuer den naechsten Morgen zu stellen. Sie hatte Glueck und konnte in einem der (warmen) Gasetebetten des Rangers ihren Rausch ausschlafen.

29.01.2010: Tag 5

Vollkommen durchgefroren freute ich mich ueber den sonst so nervigen Laerm des Weckers und legte die fuenf Schichten Kleidung ab. Es war 04.00 Uhr und stockfinster. Mit der Taschenlampe im Anschlag versuchte ich mich anzuziehen. Nach einigen Minuten gaben die Batterien den Geist auf. Vor dem Zelt erblickte ich vier umherschweifende Lichtkegel. Hey, ich war nicht der Einzige, der den Sonnenaufgang im Schatten der Torres erleben wollte. Schnell hinterhergestolpert! Die Israelis in der Gruppe wunderten sich ueber den langsam fallenden Regen, bis sie feststellten, dass es schneite. Noch nie zuvor hatten sie Schnee fallen sehen. Etwa 50 Hoehenmeter ueber dem Zeltplatz blieb der Schnee liegen, sodass es immer schwieriger wurde, den Trail zu erkennen. Nachdem wir so 45 Minuten den Berg hochgestolpert waren, erreichten wir schliesslich “el fin del curso”. Wir drehten uns um und tatsaechlich: Waehrend um uns herum weiterhin Dunkelheit herrschte ging langsam am Horizont die Sonne auf. Die Uhr zeigte 05.30 Uhr. In diesem Moment befand sich nur unsere Fuenfergruppe auf dem Gipfel.

Jetzt begann der schoene Teil. Dank Infosession hatte ich zum Gipfel mitgebracht: einen Schlafsack, einen Kocher, Porridge und Wasser. Waehrend wir hofften, dass sich der Nebel an den Torres, den “Posterboys”, verzieht, kochte ich dick in den Schlafsack eingepackt mein Hafersueppchen und erntete dafuer neidvolle Blicke vom Rest der Gruppe. Je heller es wurde, desto mehr Leute gesellten sich zu uns … und froren. Als einer der Letzten ging ich zurueck zum Zeltplatz und fruehstueckte ein weiteres Mal gemeinsam mit Karin bevor wir uns wiederum zum Gipfel aufmachten, da Karin am Morgen nicht dabei gewesen war. Aber auch dieses Mal hatten wir wenig Glueck. Die Posterboys waren weiterhin in Nebel eingehuellt. Trotzdem genossen wir die Aussicht. Den Weg ins Tal bestritten wir mit dem Bewusstsein, dass fuenf aufregende Tage nun zu Ende gingen und sich unsere Wege schon sehr bald trennen wuerden. Am Hotel hiess es aber zunaechst einmal: Raus aus den Schuhen, rein ins Museum (ueber Patagonien). Im kleinen aber feinen Museum vergassen wir ein wenig die Zeit, so dass wir fast den Bus verpassten.

Zurueck in Puerto Natales besorgten wir uns Bustickets fuer den naechsten Morgen nach El Calafate, gaben die ziemlich schmutzige, geliehene Ausruestung zurueck und suchten uns ein neues Hostel. Nach ein wenig Herumgelaufe (und seltsamen Begegnungen mit Chilenischen Omas an Hosteltueren) hatten wir schliesslich eine Bleibe (“Los Inmigrantes”) gefunden. Dieses Mal vermietete eine alte, gehbehinderte Dame ihre Schlafzimmer und uebernachtete selbst im Wohnzimmer. Selten zuvor habe ich eine heisse Dusche so sehr genossen wie an diesem Ort. In einer guten Pizzaria trafen wir uns mit den Briten und zogen anschliessend in eine Bar weiter, um ein paar Pisco Sour zu trinken.

30.01.2010: Time To Say Goodbye!

Zum Fruehstueck gab es auf der Gasheizung getoastete Broetchen, sowie ein (pseudo-) intellektuelles israelisches Paerchen. Bevor wir den Bus gen El Calafate bestiegen fuellten wir unsere Wasserflaschen auf, was sich spaeter als Fehler herausstellen sollte. Routiniert passierten wir die beiden Grenzkontrollen und nickten zu Bob Marley ein. Wieder wach wechselte der MP3-Player, so dass ich Gelegenheit hatte, Karin mit deutschem Rap vertraut zu machen (Dendemann – Sensationell). Zu den Klaengen von Bill Withers (Ain’t No Sunshine When She’s Gone, Lean On Me) passierten wir die Stadtgrenze von El Calafate. Im Kino waere jetzt der Moment gewesen Taschentuecher auszupacken. Als kleines Andenken ueberreichte ich Karin eine CD von Bombay Bicycle Club und… weg war sie.

Ich organisierte einen Bus zum Flughafen und war auf der Fahrt noch voll in Gedanken. Nach einer Stunde Fahrt (wir sammelten die Leute einzeln ein) und einer Stunde in der Warteschlange hiess es: alle Fluege heute und morgen ueberbucht. Das gibts doch nicht! Zurueck im Bus nach El Calafate verteilte ich desillusioiniert Cracker und kam so u.a. ins Gespraech mit einem aelteren Hollaender, der sich gerade auf dem Weg zu einem 21taegigem Segeltoern durch die Antarktis befand (wie cool ist das denn?!). Im Reisebuero bekam ich nicht nur den letzten Platz im Flugzeug am naechsten Abend, sondern auch einen Restaurant-Geheimtipp. Im Hostel traf ich auf vier Argentinier aus Buenos Aires mit denen ich spaeter das empfohlene Restaurant austestete. Voellig ueberfressen aber gluecklich ging ich schlafen.

*Es handelt sich hierbei tatsaechlich um das Wohnzimmer, welches dem Besitzer des Hostels zugleich als Schlafzimmer dient.

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Humbled.

Wie die Zeit verfliegt! Vor einigen Tagen noch habe ich meinen letzten Beitrag aus Buenos Aires abgesetzt. Heute warte ich wieder zurueck am gleichen Ort auf meinen Nachtbus, der mich Richtung Salta bringen wird und versuche die Reisestationen und Erlebnisse in Bariloche und El Bolson, auf der Routa 40, in und um El Chalten, in El Calafate, im Parque Los Glacieres, in Puerto Natales, am Torres del Paine und wieder zurueck in El Calafate zu rekapitulieren. Popcorn ausgepackt – es geht los!

13.01.2010: Ein Busfahrt die ist lustig.

Beim letzten Fruehstueck in Buenos Aires lernte ich zwei Spanierinnen kennen, die am gleichen Tag Richtung Sueden reisen wollten. Geschickterweise notierte ich mir ihre E-Mailadresse – nicht aber die Handynummer, um sie vor Ort anzurufen. Doof. Schnell noch tauschte ich den am Vortag erworbenen jedoch nutzlosen Kartenleser, sowie die zu grosse Badehose um (es hat funktioniert!) und fuehrte im Taxi Richtung Bahnhof meine erste etwas ausgedehntere Konversation auf Spanisch (ueber Gott und die Welt). Ein wenig stolz traf ich schliesslich auf Keith, den Amerikaner mit dem ich in den folgenden Tagen Richtung Sueden reisen wuerde. Nachdem wir die Buskarten (“Coche Cama” – die Wichtigkeit dieser zwei Worte sollte mir erst spaeter bewusst werden) warteten wir an den Bussteigen 37 bis 51 auf die Ankunft unseres Busses (das hoert sich recht einfach an – ist es aber nicht).

Im Bus wurden uns zu schlechtem 70er Jahre Rock (aus Porno geklaut?) die Marken der auf der Reise verwendeten Produkte angepriesen. Um so besser schmeckte der wirklich gute Tee, der anschliessend an den sehr bequemen Komfort-Sessel gebracht wurde. Vom Feeling her ein ziemlich gutes Gefuehl. In den Filmpausen hatte ich Gelegenheit weitere Fortschritte in Alexander Humboldts Die Reise nach Südamerikazu machen. Am Fenster zog dabei das platte, saftig gruene Land vorbei, welches passenderweise Pampas heisst. Aus dem sehr stark von globalen Duengemittelproduzierende Unternehmen dominierten Gebiet kommen ein Grossteil der landwirtschaftlichen Erzeugnisse Argentiniens.

14.01.2010: Szenenwechsel

Kaum hatte ich die Augen am naechsten Morgen geoeffnet, stellte ich fest, dass sich die Landschaft komplett geaendert hatte. Die saftig gruenen Wiesen und Baeume waren einer huegligen und unwirtlichen, jedoch nicht weniger beeindruckenden Steppenlandschaft gewichen. Um so unwirklicher tauchte am Horizont die Stadt Bariloche an einem traumhaft schoenen See mit “Alpenpanorama” (= schneebedeckte Gipfel) auf. An das Gewicht des Backpacks hatte ich mich noch nicht wirklich gewoehnt und so war der Marsch zum Zentrum nach der Ankunft recht stramm. Der warme Empfang im Hostel 1004 liess dann aber alles wieder in einem positiveren Licht erscheinen.

Das Hostel selbst hat an dieser Stelle ein paar extra Worte verdient. Mitten im Zentrum der ziemlich touristischen Stadt Bariloche gelegen, ist es im obersten (dem zehnten) Stockwerk des hoechsten Gebaudes der Stadt untergebracht. Betritt man das Hostel, faellt einem neben der freundlichen Dame an der Rezeption der sehr entspannte Musikmix auf (Gothan Project – love it!!). Erwaehnte junggebliebene Dame laedt einen dann auch zugleich ein, die Aussicht von der Dachterasse zu geniessen – und die hat es in sich. Wer schon mal mit einem phenomenalen Blick auf einen azurblauen See mit schneebedeckten Gipfeln im Hintergrund aufgewacht ist – so wie ich am naechsten Morgen – hat eine ungefaehre Vorstellung, wie sich eine Uebernachtung in diesem Hostel anfuehlt.

Der Tag war noch jung und so beschlossen Keith und ich mit dem Bus zur Talstation am Cerro Otto zu fahren. Da Keith sowohl die Gondel als auch normale Wege verabscheute (“off the beaten track…”) machten wir uns quer durchs Gebuesch auf zum Gipfel. Das Entdeckerfeeling wurde nur durch mein rotes T-Shirt getruebt, welches Bienen wie ein Magnet anzog. Wenn wir uns nicht gerade auf Tierpfaden an dornigen Bueschen vorbeizwaengten, genossen wir die wunderschoene Aussicht (Photos folgen). Am Gipfel kamen wir uns (ich zumindest) vor wie Rockstars und wurden dann auch standesgemaess von zwei Strassenhunden begleitet. Wie sich spaeter herausstellen sollte, gehoeren Strassenhunde im Sueden Argentiniens zum ganz normalen Strassenbild. Manche Hunde sind wirklich schoen, andere humpeln aber auch nur auf drei Beinen.

Nach einem 7km langen Marsch ueber einen Huegelkamm zurueck nach Barlioche kauften wir ein paar Zutaten fuer das Abendessen ein. Wie zu Hause, bei Oma, oder in meiner WG in Koelle genoss ich auch hier den Luxus bekocht zu werden ;) . Zum Essen (=Stew) gab es einen leckeren Malbec aus Patagonien. Zurueck im Zimmer trafen wir auf… die Spanierinnen vom Fruehstueck in Buenos Aires! Unglaublich! Ausserdem uebernachtete im Zimmer eine Schweizerin aus Fribourg, die ich eventuell naechste Woche in Trajia, Bolivien, besuchen werde. Da sie besser Spanisch als Englisch sprach, war unsere Unterhaltung mehr auf Esperanto als verstaendlich.

15.01.2010: Ruhe vor dem Sturm

Nach dem Fruehstueck auf der Dachterasse unseres Hostels besorgten wir uns ein Busticket nach El Bolson und fuhren anschliessend zum Naturreservat am Llao Llao, einem beruehmten Hotel hier in Argentinien. Durch einen wunderschoenen Wald mit vielen alten Baeumen und viel Bambus wanderten wir zum Playa Morena. Hier wurde ich Zeuge eines zauberhaften Moments. Ein aelteres Paerchen genoss still die Aussicht, als eine Gruppe von etwa acht Jugendlichen auftauchte. Ein deutsches Paerchen waere jetzt genervt vom Laerm der leidenschaftlichen Unterhaltungen gewesen und haette versucht, die Gruppe so gut es geht zu ignorieren. In Argentinien gehoehrt irgendwie jeder zur Familie und so verabschiedeten sich die Jungs nach zehn Minuten netten Small-Talks wieder mit Kuesschen auf die Wange von dem alten Ehepaar.

Im Bus ging es dann weiter zur Colonia Suiza, den letzten Teil des Weges (etwa 3km) ueber einen staubigen, sehr heissen Pfad. Dort angekommen stellten wir fest, dass die Zeit schon weit vorangeschritten war, sodass wir uns schnell auf den Rueckweg machten. Zurueck in Bariloche probierten wir ein wenig von der beruehmten Chocolate Artesanal (ziemlich suess) bevor wir schliesslich den Bus nach El Bolson bestiegen. Die sehr schoene, huegelige Waldlandschaft mit malerischen Seen auf der Fahrt sollten wir spaeter noch vermissen. Getruebt wurde das Naturerlebnis nur von der Kleinfamilie in der Reihe hinter mir, die zur Unterhaltung des ruelpsenden Babys die Handyklingeltoene auf voller Lautstaerke in alphabethischer Reihenfolge ausprobierte.

Kaum in der quireligen Kleinstadt El Bolson angekommen stellten wir fest, dass so ziemlich alle Hostels ausgebucht waren. Das bedeutete: Laufen! Einige staubige Strassen und eine aufregende Fussgaengerhaengebruecke spaeter erreichten wir einen Campingplatz, der auch einige Betten bereithielt. Waehrend Keith es vorzog, seinen Schlafplatz unter dem klaren Sternenhimmel mit Aussicht auf die Milchstrasse herzurichten, belegte ich eins der recht gemuetlichen Betten. Wieder zurueck im Zentrum hatten wir endlich Gelegenheit zu Abend zu essen und anschliessend einem ziemlich schraegen Jazz-Livekonzert in einem alten Zirkuszelt zu lauschen. Sehr cool!

16.01.2010: Fuellend

Ausschlafen, auschecken (ueberflutete Toilette) und ab in die Innenstadt. Der naechste Bus ueber die “sehenswerte” Routa 40 sollte erst am folgenden Tag (Sonntag) fahren, und so mussten wir als Erstes wieder eine Uebernachtungsmoeglichkeit finden. Das bedeutete wieder laufen, laufen, laufen. Ein wenig spaeter so um die Mittagszeit konnten wir uns endlich entspannt zuruecklehnen und.. fruehstuecken – denn gegessen hatten wir bisher noch nichts. Auf dem sehr coolen Markt war leider nur angucken nicht kaufen angesagt, denn irgendwer muss den Schmoerres spaeter auch tragen. Am Nachmittag machte ich mir im Garten hinter dem Hostel auf irgendeinem Autoteil sitzend erste Gedanken fuer ein Motivationsschreiben fuer ein Stipendium. Irgendwie unwirklich in dieser Umgebung.

Zum Abendessen gab es “another stew”, sowie Gitarrenklaenge und Gesang von drei Argentiniern (2x Cordoba, 1x Buenos Aires). Waehrend die Musik so den Raum fuellte, musste ich spontan an die alte (biblische?) Geschichte mit dem sterbendem Vater und seinen drei Soehnen denken (Beispiel: letzter Abschnitt). Auch Keith schnappte sich die Gitarre und gab einen zum Besten. Anschliessend haben wir beim Bierchen in einer recht coolen Bar ein paar weitere befreundete Argentinier kennengelernt.

17.01.2010: Moby Day

Das schoene am Backpacken ist zweifelsohne das hohe Mass an Flexibilitaet und so beschlossen wir, nachdem wir gegen 10 mit einem “¿Una noche màs?” geweckt wurden, den Tag fuer eine Runde Rafting im Gebirgsbach zu nutzen. YEAHH! Mit dem Taxi ging es ueber staubige, kurvige Huegelwege mitten hinein in die wunderschoene, wilde Natur. Mit einer gemischten, sehr spassigen Gruppe ging es schliesslich auf den Fluss. Waehrend wir die ersten Stromschnellen nahmen, wurden Erinnerungen an das (etwas ruhigere) obere Lahntal rund um Weilburg wach. Rechts und links dichter Wald, vor uns schneebedeckte Berge  – wunderschoen! Waehrend einer kleinen Pause hatten wir Gelegenheit im 8ºC kalten, jedoch sehr klaren Wasser mit dem Schnorchel Fische zu beobachten oder im Kayak gegen die Stroemung zu kaempfen (Fotos folgen irgendwann). Am “Landeplatz” wurden wir mit ein paar Snacks, sowie entspannten Klaengen von Moby begruesst und genossen die Aussicht, das Ambiente und die waermenden Sonnenstrahlen der Nachmittagssonne.

Zurueck in El Bolson lauschten wir auf dem quiriligen Markt im Park einigen recht guten Liveperformances. Fuer die anschliessende neunundzwanzigstuendige Busfahrt (“Semi Cama” = sehr unbequem) besorgten wir in einem kleinen Laden ofenfrische Empenadas. Wenige Minuten spaeter, bevor wir den Bus bestiegen hatten, waren alle Empenadas aufgegessen.

18.01.2010: Zuckersuess

Den wunderschoenen Sonnenaufgang begruessten die meisten Mitreisenden im Bus mit einem lauten Schnarchen und bereuten bei einem Zwischenstop in the middle of nowwhere ueberhaupt aufgewacht zu sein. Die letzten verfuegbaren Plaetze im Bus waren leider direkt neben der Bustoilette gewesen, was wir im naechsten Moment bereuten, als ein Mitreisender eine Stinkbombe eben an dieser Stelle platzierte. Danke auch. Mit zugehaltener Nase verliesen wir in Puerto Morito den Bus und wunderten uns waehrend einer vierstuendigen Pause, warum Menschen mitten in der Einoede siedeln. Inzwischen hatte sich die Umgebung naemlich wieder gewandelt und die huegelige Waldlandschaft war wieder (noch) trockener Steppe gewichen. Das Braun-Grau der Landschaft sollte uns von nun an fuer einige Tage begleiten. Wieder im Bus spielte mein MP3-Player dann auch passenderweise “Dat Wasser vun Koelle” waehrend ich die Marslandschaft um mich herum bestaunte. Falls die Erde in etwa so nach einem Atomkrieg aussehen sollte, bin ich fuer die sofortige Abschaffung aller Atomwaffen! Nach einer weiteren Pause mit einem wunderschoenen Sonnenuntergang verteilte einer der Busfahrer frische Kirschen.

Die Strassen waren inzwischen immer holpriger geworden – auf der Via Appia reiste es sich in der Kutsche zu Zeiten Caesars mit Sicherheit komfortabler – und so lernten wir nicht nur unsere Mitreisenden besser kennen, sondern genossen auch mitgebrachte Schweinereien. Die sehr leckere und sehr suesse Patisserie ist in Patagonien allgegenwaertig und wahrscheinlich fuer den 99%igen Verbrauch der weltweiten “Dulce de Leche (=Karamel)”-Produktion verantwortlich.

19.01.2010: Bellevue

In der Morgendaemmerung tauchten (endlich) wieder Berge aus dem Dunst auf, waehrend Michael Jackson den Earth Song zum Besten gab. In der ziemlich windigen “Nationalen Hauptstadt des Treckings” (=El Chalten) angekommen, fanden wir schnell unser Hostel und fruehstueckten eine Kleinigkeit bevor wir zur ersten ausgedehnten Wanderung auf dem “Sendero al Fitz Roy” aufbrachen. Die Aussichten bekamen durch aufkommenden Nebel ein ganz besonderes Flair. Der Fitz Roy selbst versteckte sich leider im Nebel, trotzdem waren wir vom sichtbaren Teil des Gletschereis sehr beeindruckt. An einem Gletschersee fuellten wir unsere Wasserflaschen auf und machten uns auf den Weg zurueck zum Hostel. Endlich Zeit fuer eine ausgedehnte Dusche – die erste seit 36 Stunden. Waehrend das Wetter draussen schlechter wurde, verbrachten wir den Nachmittag lesender- und schlafenderweise. Das Steak im Hostel zum Abendessen lag noch ein wenig schwer im Magen als wir beschlossen, den Fernseher im Hostel der Maedels (Karin aus Holland und Georgi aus Australien), die wir auf der 29stuendigen Busfahrt kennengelernt hatten, zu uebernehmen. “Zum Glueck” kam “How to loose a guy in 10 days”. Aus einem mir unerfindlichen Grund kannte ich den Film schon…

20.01.2010: Fallendes Wasser

Beim Fruehstueck tauschte ich mich mit der Australierin (Name vergessen) aus meinem Raum ueber das “stinky couple” aus, welches mit uns den Raum teilte. Da das Wetter zu diesem Zeitpunkt fuer jegliche Wanderung ungeeignet war blieb ein wenig Zeit zum Lesen. Nach zwei Kapiteln war ich auf dem Sofa eingeschlafen und wachte erst gegen 14.00 Uhr wieder auf. Oh. Inzwischen schien draussen wieder die Sonne und so beschloss ich, alleine eine kleine Wanderung zum nahegelegenen Wasserfall zu unternehmen. Als ich gerade zur Tuer heraustrat stiess ich auf Karin, Georgi und Keith mit dem gleichen Ziel. Zu viert genossen wir die wilde Szenerie rund um den Wasserfall und mussten immerzu an Filmszenen aus “Herr der Ringe” denken. Beim anschliessenden Einkaufen trafen wir auf einen Israeli, den Karin im Dschungel von Brasilien kennengelernt hatte und der sich bei uns zum Abendessen einlud.

Hier ist vielleicht der richtige Zeitpunkt um ein paar Worte zu reisenden Israelis zu verlieren. Egal ob jung oder alt sind sie meist laut und gehen dem Reisenden ziemlich haeufig auf die Nerven. Die Jungen sind meist maennlich und frisch aus dem dreijaehrigen Militaerdienst entlassen. Nach Hotel Mama und Armee sind sie auf ihrer Reise durch Suedamerika selbst zu bloed um Nudeln zu kochen. Die Aelteren (immer Paerchen im Rentenalter) draengeln sich ueberall vor und fahren einem beispielsweise am Flughafen mit ihren Rollkoffern ueber die Fuesse, wenn sie nicht gerade Gepaeckbaender oder Ausgaenge blockieren.

21.01.2010: Eis, Eis, Baby!

Der Wecker klingelte um 06.00 Uhr was definitiv zu frueh war. Gegen halb sieben kroch ich schliesslich aus dem Bett und eilte zum Fruehstueck, denn schon fuer viertel vor war der Treffpunkt fuer eine Guided Tour zum Cerro Torre vereinbart. Im Licht der Morgensonne genossen wir den Hike Richtung Gletscher. Das Interessante an der Flora und Fauna in diesem Gebiet ist, dass es nur wenige verschiedene Pflanzenarten gibt. Die ein oder zwei Baumarten wachsen maximal 3 bis 4 Meter hoch und jede Pflanze hat einem dem Menschen nuetzliche Funktion. Aus der einen laesst sich beispielsweise duftender Tee zubereiten, die andere haelt suesse schmackhafte Beeren bereit. Auf dem Weg lernte ich Birthe und Patrizia aus Deutschland kennen, die beide Kulturwirtschaft in Passau studieren und derzeit gemeinsam durch Suedamerika reisen.

Der Wind am Gletschersee am Cerro Torre bliess uns fast um und machte die ohnehin schon aufregende Flussueberquerung noch aufregender. Eine Bruecke existierte naemlich nicht, nur ein gespanntes Seil, in welches man sich einklinkte und ueber den reissenden Strom hangelte. Das James Bond Feeling auf der anderen Seite des Flusses wurde nur noch vom anschliessenden Icehiking auf dem Gletscher uebertroffen. Unvorstellbar wie lebendig sich “ewiges Eis” in der Sommersonne anfuehlt. Ueberall funkelt schmelzendes Eis in der Sonne, ueberall hoert man Schmelzwasser durch kleine Kanaele und Tunnel gen Gletschersee plaetschern. Auf dem Rueckweg erzaehlte unser Guide, dass El Chalten erst in den 80er Jahren als Antwort auf vorausgegangene Grenzkonflikte mit Chile gegruendet wurde. Die Vorstellung von Gebietsstreitigkeiten sind fuer einen Mitteleuropaer im 21. Jahrhundert irgendwie schwer nachzuvollziehen. Etwas ausgepowert kamen wir in El Chalten an, sodass ich das wunderbare Stueck Lomo (=Rinderlende) im Restaurant mehr als verdient hatte.

(To be continued.)

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