Wie in alten Zeiten

Tage fliegen vorbei und es wird mal wieder Zeit einen kurzen Blick zurueck zu werfen. Waehrend ich darueber nachdenke, was in den letzten Tagen so passiert ist, sitze ich in einem der zahlreichen leicht angeranzten Internet-Cafés bei mir um die Ecke und werde unter anderem von schlechtem Spanischem Hip-Hop beschallt…

A propos Musik. Suedamerikaner scheinen ein Faible dafuer zu haben, internationale Pop-Songs ins Spanische zu uebersetzen. Bei schmierigen Liebeslieder ok, aber bei Jazz?! Auch sonst gibt man sich hier in Argentinien angepasst oder unangepasst – je nachdem aus welchem Winkel man das betrachtet. Autos beispielsweise sind hier meist nicht nur verbeulte (Argentinier fahren wie die Teufel), laute und stinkige Taxis, sondern verfuegen neben einem eigenstaendigem Design (meist Stufenheck) ueber eine voellig selbststaendige Nomenklatur. Opels fahren hier als Chevolets herum (Chevolet Astra, Chevolet Corsa), VW Polo oder Golf heissen hier Goal oder Voyage (sic!). Der Mercedes-Stern am Bus haengt schon mal verkehrt herum und gehoerte sicherlich nicht zur Serienausstattung ab Werk. Dafuer fuegt er sich hervorragend in die sonstige Chromlandschaft auf und im Bus ein.

Aber kommen wir zu den Erlebnissen der letzten Tage. Nach dem Fruehstueck am Donnerstag versorgte ich mich erst einmal mit Bargeld. Klingt trivial, ist es aber nicht. Zunaechst einmal muss man einen Automaten finden, welcher nicht durch ein “no functiona” verschoenert wird. War man hiermit erfolgreich, stellt einen die ziemlich verwirrende Menufuehrung vor Probleme (wer braucht 10^10 Auswahlmoeglichkeiten?!). Fehlende Vokabelkenntnisse im Bereich Finanzen machen die Situation noch ein wenig komplizierter. Hatte man mit Glueck die richtige Dinge angeklickt, haelt man endlich das sehnsuechtig erwartete Bargeld in der Hand. Doch anfangen kann man damit noch lange nichts, denn Geldautomaten spucken grundsaetzlich 100 Peso-Scheine aus, umgerechnet etwa 20 Euro. Wechseln kann darauf aber (scheinbar) niemand, so dass man so schnell wie moeglich versuchen muss, die Scheine klein zu machen.

Im Bus (hier wird Kleingeld benoetigt, welches fast nicht existiert, da staendig nur mit 2 Pesoscheinen bezahlt wird) ging es dann von Palermo, dem Viertel in dem mein Hostel liegt, nach Recoleta. Beruehmt ist das Viertel aus tourisitischer Sicht im Besonderen durch seinen grossen Friedhof und seine Kathedrale. Natuerlich habe ich mir beides angesehen. Besonders der Friedhof wusste nicht nur durch seine schiere Groesse zu beeindrucken, sondern auch durch seine architektonische Beschaffenheit. Ihre Ewigkeitsansprueche meisseln Argentinier nicht auf einen Grabstein, sondern errichten ein Mausoleum, welches sowohl in die Hoehe als auch in die Tiefe gebaut wird. So kommt es, dass in der Stadt innerhalb der Stadt mehrere Generationen einer Familie in einem “Haus” begraben sind.

Unterhalb des Friedhofs und der Pforte ins Himmelreich liegt eine ausgedehnte, schicke Shopping-Mall (Zufall?). Schick deshalb, da es neben diversen Laeden fuer Designermoebel auch einige coole Einrichtungsboutiquen gibt. Ausserdem findet sich hier das Hard Rock Cafe. Um es gleich vorweg zu nehmen: Nein ich hab mir kein bloedes “Hard Rock Cafe” Shirt gekauft. Fuer die Hoodies/Jacken hatte ich leider weder Geld noch Platz im Gepaeck. Schade. Weiter gings auf die Suche nach einem Ort, wo sich gepflegt lunchen liesse. Waehrend ich so auf einem ausgedehnten Park-Platz (also ein Plaza mit Parkanlage) unter einem Baum auf die gruene Ampel wartete, passierte es. Etwas feuchtes traf mich von der Seite. Nun hierzu muss man anmerken, dass Tropfen von oben trotz durchgehendem Sonnenschein in Buenos Aires nichts ungewoehnliches sind. Entweder macht gerade jemand seinen Balkon, die Wohnung, das Treppenhaus, die Fenster oder sonst irgendwas sauber (wobei trotzdem nichts wirklich sauber aussieht…), oder es tropft einfach so.

Ein lautes “Oh!” hinter mir machte mir allerdings deutlich, dass nicht irgendeine Fluessigkeit meinen Koerper benetzt hatte. Aus dem Hinterhalt hatte mir ein Monster mit Fluegeln eine volle Breitseite gegeben. Treffer versenkt. Von oben bis unten war ich voll Vogelscheisse. Scheiss Vogel. Danke. Ein freundlicher Argentinier machte mich auf einen naechstgelegenen Brunnen aufmerksam, welcher selbstverstaendlich zu dieser Zeit kein Wasser fuehrte. Erst als ich mein T-Shirt auszog, wurden mir die Ausmasse der Scheisse bewusst. Ueberall. Na gut. Mit ein wenig Wasser aus der Flasche haben wir gemeinsam das Groebste entfernt. Mit einem “Buenas” verabschiedete sich der Argentinier. Mist. Ich erinnerte mich, dass mein Guide vor fremden Leuten warnt, die durch irgendeinen Anlass ihre Finger auf persoenliche Habseligkeiten kriegen. Und dieser Argentinier hatte seine Finger auf so ziemlich allen meinen Sachen. Alles noch da. Hey, es gibt auch nette (fremde) Argentinier!

Doch das besserte meine Laune nur wenig auf. Ich wollte nach Hause. Sofort! Hab ich dann auch gemacht. Ab in den Bus (mit dem Ruecken zum Fenster). Hostel. Dusche. Wie neugeboren. Da ich noch nichts gegessen hatte und meine brasilianischen Mitbewohner auch hungrig waren, suchten wir ein kleines unscheinbares Restaurant in Palermo auf. Steak sollte es sein. Und was fuer eins! Fuer weniger als 5 Euro bekam ich ein Gedicht im Gewand von 300 Gramm. Sofort war ich wieder mit der Welt im Reinen. Den portguiesischen Tischgespraechen konnte ich selbstredend nur schwer folgen. Machte aber nichts, schliesslich hasse ich es sowieso zu reden, wenn ich Hunger habe und das Essen vor meiner Nase dampft.

Zurueck im Hostel warf ich ein Blick ins Buecherregal. Cool! Alexander Dumas (Drei Musketiere) hat ein Buch ueber die Besetzung Frankfurts durch Preussen im Jahr 1866 geschrieben. Und direkt vor mir steht “Der Schleier im Main” auf Deutsch*. Freude! Das Buch selbst duerfte den wenigsten Deutschen ein Begriff sein, stammt es doch erstens von einem Franzosen (und so ist auch die Hauptperson im Buch ein liebenswerter franzoesischer Superheld) und handelt es zweitens von einer Phase der deutschen Geschichte, in der Preussen nicht gerade Lorbeeren fuer seinen “Liberalismus” verdient. Kein Wunder also, dass es bis vor wenigen Jahren keine deutsche Uebersetzung gab. Das Buch geschnappt und ab auf den Hof, habe ich es noch am gleichen Abend verschlungen. Sogar komplett zerstochene Arme und Beine nahm ich hierfuer in Kauf, hatte ich doch nach der Dusche vergessen mich wieder mit Insektenschutz einzureiben. Lesetipp!

Am folgenden Tag habe ich den Placement-Test einer der hier ansaessigen Sprachschulen gemacht. Keine Ahnung, ob sie fuer die 60 zu vervollstaendigen Saetze ueber eine Stunde vorgesehen hatten, Spass beim Raetseln hatte ich trotzdem. Danach erfuhr ich im Handyladen, dass mein gutes altes Siemens leider nur ueber Dualband verfuegt und somit in ganz Suedamerika nicht funktioniert. Falls mich also jemand anrufen moechte, geht dies nur per Skype. Termine bitte per E-Mail vereinbaren ;).

Nachdem ich mich am Vortag bereits zum ersten Mal in den Bus getraut hatte (am Samstag habe ich die abenteuerliche Fahrweise der Busse mal auf einem Video festgehalten), war nun am Freitag die U-Bahn an der Reihe. Fuer Suedamerika ungewoehnlich verfuegt Buenos Aires naemlich ueber ein ausgedehntes U-Bahnnetz (Hersteller der Wagen: Siemens & AEG vor gefuehlten 40 Jahren). In der Bahn wurde ich Zeuge eines mir unbekannten Schauspiels. Den sitzenden Fahrgaesten wurde von einer angejahrten junggebliebenen Frau farbig(st)e Aufkleber (Superman, Spiderman, Sailormoon) auf den Schoss gelegt. Moechte man keine Aufkleber kaufen, gibt man der netten (?) Frau die Aufklebersammlung wieder zurueck. Sieht lustig aus und gehoert sicherlich eher zu den agressiveren Formen des Marketings.

Nach dem Besuch der Kathedrale der Stadt Buenos Aires am Plaza de Mayo, welcher fuer Argentinier DER Platz schlechthin ist, machte ich mich auf zum Buero des “la bicicleta naranja”. Auf orangen Fahrraedern ging es danach quer durch das suedliche Buenos Aires (fuer die Ortskundigen: San Telmo, La Boca, Puerto Madero). Wenn auch leider sehr touristisch gepraegt, beeindruckte mich vor allem das Viertel rund um El Camenito. Benito Quinquela Martin (1890-1977) hat hier im alten Hafenviertel sein Lebenswerk vollbracht. So kam es dass ich bereits am Samstag hierhin zusammen mit meinen Brasilianern und einem Italiener zurueckkehrte und wir uns ueber tourisitische Restaurants aergeten (beschissenes Essen, versteckte Kosten -> Bauchschmerzen). Nicht machen.

Mit den Amis Larry und Allan, die bei der Biketour dabeigewesen waren, habe ich dann noch eine Runde gesnackt. Leicht angetrunken haben wir ueber nationale Besonderheiten philosphiert, sodass ich mich schliesslich gegen 10pm zu meinem Hostel aufmachte. Duschen und ab zur “Full Moon Party” irgendwo in Buenos Aires. Zum Glueck waren wir mit Einheimischen unterwegs, sodass ich nicht dem Taxifahrer erklaeren musste, wohin die Reise ginge. Die Party wurde von den Hostels in B.A. organisiert und war relativ cool. Im Sonnenaufgang ging es mit dem Taxi durch den McDrive (uebrigens vergleichsweise teuer!) “nach Hause”.

Wie in alten Zeiten.

* lesenswert ist auch die negative Amazon-Rezension

"Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde."

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3 comments on “Wie in alten Zeiten
  1. JohannaMexiko says:

    Schön, dass du jetzt auch mal “meinen” Kontinent aufsuchst :-). Deine Beschreibungen decken sich fast komplett alle mit Mexiko-Stadt!
    Falls du zufällig noch einen Abstecher nach Brasilien machen willst: Bin ab Ende Februar für ein halbes Jahr dort!

  2. henrysmith says:

    mein erster kommentar auf deinem Blog!
    Klingt ja alles ganz spannend. wen meinst du denn immer mit “wir”?
    wie war die full moon party?
    viel spaß noch und bereichernde erfahrungen wünsch ich dir.

  3. Andreas says:

    @johanna: vielen dank fuer deine einladung. eigentlich habe ich nicht geplant ueber Brazil zu reisen (jaja karneval und so… werde dann in Bolivien sein!). mal sehen, wie lange ich den brasilianischen einladungen noch standhalten kann 😉 vielleicht schaue ich im auslandssemester 2011/12 vorbei!

    @henry, ich bin stolz auf dich 😉 “wir” wechselt staendig, aber mir war gar nicht aufgefallen, dass ich so haeufig in der 1. person plural schreibe… viel erfolg bei den klausuren!