Todo esta bien!

Heute hier, morgen dort, bin kaum da, muß ich fort,
hab‘ mich niemals deswegen beklagt.
Hab‘ es selbst so gewählt, nie die Jahre gezählt,
nie nach gestern und morgen gefragt.

Bevor es morgen Richtung Patagonien geht, gibt es hier noch ein letztes Lebenszeichen von mir. Aber von vorn. Sonntag war ich (ausnahmsweise) mal als Tourist in Buenos Aires unterwegs. Zunaechst habe ich dem leicht in die Jahre gekommenen Praesidentenpalast (Casa de Gobierno / Casa Rosada <- weil pink) einen Besuch abgestattet und war ein wenig enttaeuscht. Gleich von mehreren Seiten hatte ich gehoert, dass die Kiste ein Must-See in Buenos Aires unter anderem wegen der Einrichtung ist. Eventuell bin ich durch die zahlreichen (deutschen) Burgen und Schloesser verwoehnt, aber wirklich beeindruckt hat mich nur der Fakt, mit wie wenig Aufwand ich im Buero von Cristina Fernández de Kirchner stand. Die sieht uebrigens um einiges besser aus als unsere Angie, wir sind hier schliesslich in Suedamerika :).

Wieder zurueck auf der Strasse wunderte ich mich, wo all die Menschen hin sind, die Buenos Aires normalerweise bevoelkern. Gut, die Einwohner sind bei gefuehlten 37 Grad in kuehlere Regionen ausgeflogen, aber wo sind all die turistas? Eine Ecke weiter wurde ich fuendig. Menschen, Menschen, Menschen. Auf dem traditionellen Markt auf La Defensa verkaufen lokale Haendler jeden Sonntag allerhand Nippes aber auch einige sehenswerte Antiquitaeten auf einer Laenge von 3km. Das laesst selbstverstaendlich kein echter Touri aus, sodass auch ich mich, dank Lunchtipp von meinem Hostel mit einem Riesenlappen Fleisch auf der Hand (= “Sandwich”), unter die Menschen mischte. Kurz nachdem ich zum Nachtisch ein koestliches Nusseis verspeist hatte (doof… habe ich dann auch gemerkt…), setzte ein lang ersehnter Regen ein. Auf einmal ging alles ganz schnell. In nullkommanix hatten die zahlreichen Haendler ihre Sachen eingepackt und fluechteten unter eines der vielen Vordaecher. Mich trieb der Regen in einen wunderschoenen ueberdachten Markt.  Erinnerungen an die ueberdachten Maerkte im alten europaeischen Teil in Istanbul wurden wach.

Mit ein wenig Zufall landete ich dann im Manzana de las Luces. Genauso wie das “Museo del Cabildo y la Revolucion” am Plaza de Mazo ein Gebauede voller Geschichte. Dabei wurde wieder einmal deutlich, dass Argentinier zwar versuchen, Orte nationaler Geschichte zu erhalten, jedoch kein glueckliches Haendchen betreffend der Praesentation der Exponate besitzen. So braucht es Einiges an Interesse und Phantasie, um sich an diesen Orten begeistern zu lassen. Kurze Zeit spaeter hab ich mich mit dem Ami auf ein Bierchen getroffen, mit dem ich morgen den Trip durch Patagonien starten werde. Sein Plan, am folgenden Tag Colonia del Sacramento in Uruguay auf der anderen Seite des Rio de la Plata zu besuchen, inspirierte mich auf der Rueckfahrt in der U-Bahn in Richtung Hostel. So kam es, dass ich relativ spontan Tickets fuer die Faehre am naechsten Tag buchte. Kaum war dies erledigt, machten mir ein paar brasilianische Bekannte mit einem beherzten “Andrrreaas” deutlich, dass auf der Dachterasse eine kleine Party stattfindet. Ok, ein Bier geht immer. Eineinhalb Stunden spaeter hatte ich Schwierigkeiten mein Bett zu finden.

Am naechsten Morgen hatte ich mir meinen Wecker auf 05.45 Uhr gestellt, um genuegend Zeit zum Packen zu haben. Um 06.58 Uhr bin ich aufgewacht und stellte erschrocken fest, dass ich spaetestens in 2 min am anderen Ende der Stadt sein sollte, um rechtzeitig fuer die Faehre einzuchecken. Oh no! Den Gedanken unter die Dusche zu springen, verwarf ich schnell und schmiss mir ein T-Shirt ueber, liess mein Gepaeck im Hostel und nahm ein Taxi zum Hafen (irgendwo auf dem Weg verlor ich eins meiner Kofferschloesser…). Netterweise erkannte der Taxifahrer meine missliche Lage und drueckte ein wenig mehr auf die Tube, so dass ich schliesslich ein paar Abkuerzungen spaeter leicht schwindelig am Hafen ankam (07.35 Uhr – Rekordzeit!). Ich richtete mich bereits (mit Woerterbuch bewaffnet) auf eine leidenschaftliche Diskussion ein, ob ich noch auf die Faehre gelassen werde oder nicht. Nichts dergleichen, alles easy. Achja, bin ja in Suedamerika :).

Im Takt schaukelnd zu einem schlechten Cover von “Knocking On Heaven’s Door” liessen wir Buenos Aires hinter uns. Vom Ufer aus, hatte ich bereits ueber die Ausmasse des Rio de la Plata gestaunt, denn an der breitesten Muendung der Welt sieht man das andere Ufer nicht. Kein Wunder also, dass ich Buenos Aires bisher immer am Meer vermutete. Bei der Ankunft in Colonia del Sacramento dachte ich in der etwas in die Jahre gekommenen Abfertigungshalle darueber nach, wie schnell man sich an solche Dinge gewoehnt, als wir durch ein funkelnagelneues Terminal liefen. Wie ein gerade gelandetes Ufo funkelt dieses Gebauede in einer sonst eher heruntergekommenen Gegend. Komisch. Nachdem ich in einer etwas seltsamen Huette Geld gewechselt hatte (und das Gefuehl nicht los wurde, dass ich dabei verarscht wurde), ging es erst einmal zum Hostel. Dort wunderte ich mich zunaechst ueber das junge Maedchen am Empfang. Kaum hatte ich die Brille angezogen, stellte ich fest, dass es sich um eine klein geratene Frau in ihren 50ern handelt. Oh.

Nun war endlich Zeit, um eine Kleinigkeit zu Fruehstuecken. Da sich die Idee von “am Morgen etwas essen” in suedamerikanischen Restaurants noch nicht wirklich herumgesprochen hat, gab es ein koestliches uruguaisches Rueckensteak direkt am Plaza de las Armas. Mit jedem Augenblick hellte sich meine Stimmung auf. Genau bis zu dem Augenblick, in dem sich eine sueddeutsche Reisegruppe in kleinen Grueppchen um meinen Tisch herum verteilte. Mit miserablen Englisch und keinem Wort Spanisch wurde bestellt, auf Deutsch laut die Umgebung kommentiert (“ahh… Seppel, da schau her”). Meine Aggressionen bekaempfte ich, indem ich mein Notizbuch zog und eben diese Zeilen notierte. Auch eine Form von Stressbewaeltigung. Werde dies mit Sicherheit beibehalten.

In der Iglesia Matrizt, der aeltesten Kirche Uruguays, staunte ich ueber eine riesige begehbare Krippe (auf dem Video hat sie Aehnlichkeiten mit einer Geisterbahn). Mitten im Ort steht ein Leuchtturm dessen Aussicht ich mir anschliessend selbstverstaendlich nicht entgehen lassen konnte (genauso wie die Tuerrahmen, an denen ich mir den Kopf stiess). Bei meiner kleinen Museumstour gab es unter anderem portugisisches Porzellan aus dem 18. Jahrhundert zu bewundern (die Stadt wurde von Portugiesern gegruendet und mehrmals von Spaniern – spaeter auch Englaendern – besetzt). Ein Teller war unuebersehbar mit einem Hahn bemalt. Die einzige Beschriftung hierzu: Plato con gallo en el centro. Achja, jetzt sieht man es…

Bei einem Abstecher im Hostel schaffte ich es endlich, eine Dusche zu nehmen und lernte bei der Gelegenheit eine Franzoesin kennen, die gleich im Bett ueber mir uebernachtete. Auf dem Weg zu einem Aussichtspunkt mit nettem Restaurant (lt. Guide) beobachtete ich einen Mopedfahrer, der seine Rueckspiegel genau auf seine Brust gerichtet hatte. Mit der Sonne im Ruecken sah das so aus, als ob er einen eckigen Bikini truege. Sehr lustig! Das Essen konnte leider bei Weitem nicht mit dem Fruehstueck mithalten und die Aussicht machte eher schlechte Laune. Bei den ganzen schmusenden, turtelnden, sich neckenden Paerchen (verfluchtes Suedamerika :() kommt irgendwann ein wenig Einsamkeit auf.

Zurueck auf der Hostelterasse machte ich mir Gedanken, welche Orte ich in Argentinien auf dem Weg nach Bolivien noch unbedingt sehen moechte. Wie es derzeit aussieht, werden das ziemlich viele sein, sodass sich der Besuch der Sprachschule weiterhin variabel disponiert wird. Immer noch etwas angekratzt vom missglueckten Abend beschallte mich der MP3 Player erst mit den Kings of Convenience (“Homesick”) und dann mit Lenny Kravitz (“Fly away”)* als ein dampfender Teller Polenta vor meiner Nase auftauchte. Fuer mich. Von Veronica, Mercedes und Laura aus Buenos Aires gekocht, die ich bei der Gelegenheit gleich kennenlernte. Yeah!

Fuehstueck gab es am Tisch einer New Yorkerin und einer werdenen Opernsaengerin aus Buenos Aires. Erstere klaerte mich darueber auf, dass Berlin derzeit “the better NY ist” (wegen Kunst und so). Zweitere beendete das Gespraech relativ schnell, nachdem wir ueber mein Alter gesprochen haben. Doof. Fuer die restliche Zeit in Suedamerika bin ich mindestens 24. Wenig spaeter ging es zurueck zum Ufo. Dabei bemerkte ich, dass es um einiges kuehler und windiger als am Vortag war. Es stellte sich heraus, dass dies den Funfaktor bei der Rueckfahrt um einiges erhoehen sollte (wir erinnern uns: huuuuiii, ohhhh, ahhhhh, *wuerg*). Auch hiervon gibt es selbstverstaendlich ein Video.

Wieder in Buenos Aires hatte ich fast das Gefuehl nach Hause zu kommen, denn inzwischen ist mir die Stadt ziemlich ans Herz gewachsen. Aber hierzu spaeter mehr.

¡Hasta luego!

*Ganz besonders grosses Dankeschoen Thomas fuer den Weltklasse-Musikmix!! Stichwort: Ansage 🙂

"Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde."

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One comment on “Todo esta bien!
  1. Thomas says:

    Sehr gerne, freu mich dass es dir so gut geht, auch ich sehe Licht am Ende des Tunnels (hoffentlich keine sterbende Leuchtqualle [Die Stadt der träumenden Bücher]) und hoffentlich bald meine neue Wohnung!

    VIel Spass in Patagonien

    Thomas