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Quis custodit custodes?
Manchmal hat man das Gefühl, man wäre im falschen Film. Man würde gerne von den schlechten Träumen erlöst und aufgeweckt werden, stellt dann aber fest, dass man selbst zu denjenigen gehört, die das Aufwecken übernehmen müssen.
Das Thema Online-Durchsuchung ist so ein Thema.
Was heißt das überhaupt?
Als ehemaliger Konsument von mehr oder weniger guten Krimis bei den öffentlich rechtlichen Anstalten, erkläre ich mir den Begriff „Durchsuchung“ folgendermaßen: 1. “Aufmachen, Polizei” 2. Lärm + Haustür fliegt aus den Angeln 3. Die Wohnung wird durchwühlt und sieht danach aus “wie Sau”.
Heute ist das anders. Durchsuchen öffentliche Stellen meinen Computer, vermisse ich anschließend keine Einzelteile und aufräumen muss ich auch nicht. Der große Nachteil: Von der Durchsuchung habe ich nichts mitbekommen.
Wer fordert das überhaupt?
Schaut man sich die größten Verfechter von Online-Durchsuchungen an, fällt nur eins auf: Inkompetenz auf höchster Ebene! Unsere Justizministerin Brigitte Zypries hat es mit ihrem Ausspruch „Browser… Was ist noch mal ein Browser…“ zu einiger Berühmtheit gebracht. Nebenbei trägt sie mit ihrer Behörde die Verantwortung für unsere Sicherheit On- und Offline, indem Gesetzesentwürfe in eine rechtsstaatliche Form gegossen werden. Eine Frage am Rande: Wer füttert eigentlich den Blog von Deutschlands ranghöchsten Bloggerin (offiziell seit 2005 dabei und somit ein “alter Hase”)?
Auch der Innenminister ist noch nicht mit bemerkenswert fundierten Statements zum Thema Internet aufgefallen – seine Seite ist leider aktuell nicht erreichbar. Wählerstimmen lassen sich mit seinen völlig überzogenen Forderungen im erz-konservativen Lager gewinnen – die Zukunft eines Landes und die Gestaltung der Gesellschaft3.0 dagegen nicht!
Und sonst, wer fordert sonst Online-Durchsuchung? Genau! Hänschen, Lieschen, Ilse & Hilde – all jene, die sich noch nicht unter den sogenannten Silver-Surfern befinden. Warum? Weil sie nicht mal den kleinen Schimmer einer Ahnung vom Thema haben! Jeder weiß ja, dass es im Internet nur so von Gangstern und Halsabscheidern wimmelt. Alle haben sie es auf das kleine Portemonai des Otto-Normal-Verbrauchers (warum der wohl gerade Otto heißt…) abgesehen. Der aufmerksame Leser kennt genug Geschichten von ahnungslosen Rentnern, die ihr gespartes Geld zu Zeiten der DotCom-Blase in Unternehmen mit keinem nennenswerten Mehrwert steckten und auf Mondrenditen hofften.
Was bringt das überhaupt?
100%ige Sicherheit gibt es nur mit 110%iger Kontrolle. Unsere Erfahrungen in der Vergangenheit sprechen eher gegen totale Kontrolle. Stasi und Gestapo sind Mahnmale grandioser Fehlentwicklungen (fehlt eigentlich nur noch die Frage eines Sonntagspredigers „Wollt ihr die totale Kontrolle?“ und das gesamte Bierzelt antwortet mit einem herzzereißendem „Ja!“). Soweit ist es schon gekommen, dass selbst die Presse dem ganzen Treiben kaum noch etwas entgegensetzt – genaue jene Presse, die zum Stichwort „Pressefreiheit“ in nullkommanix Barrikaden errichtet und von nationaler Krise spricht. Dass es auch Ausnahmen gibt (bestätigen ja schließlich die Regel), zeigt eine verblüffend gut gemachte Flash-Animation eines ganz normalen Tagesablaufs im Leben eines ganz normalen Angestellten.
Ob Herr Schäuble sich über all diese Dinge mal Gedanken gemacht hat? Ich werde ihm mal eine E-Mail schreiben…
EDIT: Den ehemaligen Titel “Online-Durchsuchungen und ihre Folgen” habe ich durch “Quis custodit custodes?” ersetzt.
| Print article | This entry was posted by Andreas Matthies on September 7, 2007 at 11:12 am, and is filed under Uncategorized. Follow any responses to this post through RSS 2.0. You can leave a response or trackback from your own site. |
about 4 years ago
Nette Animation da von Spiegel, du solltest aber mal den Link überarbeiten, denn so funktioniert er nicht!
about 4 years ago
Auch ich sehe die Online-Durchsuchungen ausgesprochen kritisch. Hoffen wir, dass sich Deutschland nicht zu einem Überwachungsstaat entwickelt und die Bürgerrechte erhalten bleiben.
about 4 years ago
Lange Zeit hatte ich die Entwicklung nicht für extrem bedeutend gehalten – inzwischen haben sich meine Ansichten zu diesem Thema grundlegend geändert!